zur Navigation springen
Schleswiger Nachrichten

18. Dezember 2017 | 21:41 Uhr

Neue Anschauung der konkreten Welt

vom

In der Gottorfer Reithalle ist bis zum 20. Oktober die Ausstellung "Realismus in Norddeutschland" zu sehen / Großer Andrang bei der Eröffnung

shz.de von
erstellt am 27.Mai.2013 | 03:59 Uhr

schleswig | Auf diesen Satz hatten alle gewartet: "Der Fisch duftet vom Kopf her." Als ihn Augustin Martin Noffke, Künstler und Über-Kunst-Nachdenkender, am Ende seiner Eloge auf den Realismus in der Kunst geradezu herausschleuderte, brandete heftiger Beifall auf. Mehrere hundert Besucher hatten sich am späten Nachmittag des 25. Mai in der Reithalle von Schloss Gottorf eingefunden, um bei der Eröffnung der diesjährigen großen Sommerausstellung dabei zu sein.

Noffkes Variation des bekannten Negativ-Zitats sollte deutlich markieren, dass am "Kopf" der Republik, dass "im Norden die Kunst lebt". Das passte gut zu der trotzigen Grundstimmung, die nicht nur die Eröffnung der Ausstellung von rund 200 Gemälden unter dem Signum "Realismus in Norddeutschland" prägte. So verwies Kurator Dr. Thomas Gädeke auf den seit langer Zeit einmal wieder auf dem Schloss-Gelände anwesenden früheren Gottorf-Chef Professor Heinz Spielmann, der frühzeitig realistische Kunst gefördert habe. Und erst kürzlich habe der Freundeskreis zwei Bilder für das Museum angekauft, von Friedel Anderson und Hans-Joachim Billib.

Trotzig könnte man auch das obligate Grußwort nennen, gesprochen von der ehemaligen Hamburger Kultursenatorin Dr. Dana Horáková. Sie belobigte nicht nur die Institution "Museum" (deutschlandweit 110 Millionen Besucher in 2011), sondern auch die "Verweigerung der Abstraktion". Das wirkte etwas kurios angesichts der unmittelbar benachbarten und gerade eröffneten Gottorfer Schau der "Lieblingsbilder aus der Sammlung Großhaus". Danach bemühte sich Frau Haráková noch, das anstehende Fußballspiel Dortmund/München metaphorisch fruchtbar zu machen, was gänzlich misslang.

Das Selbstbewusstsein der realistischen Maler, die fast alle zu dieser "Zwischenbilanz" in der Reithalle angereist waren und später unablässig Ausstellungskataloge signierten, dürfte dadurch nicht angekratzt worden sein. Ihnen wird ja auch durch Gädekes Vorwort des Katalogs (Preis: 24,90 Euro) ordentlich Laune gemacht. Da ist die Rede von der "Erneuerung der Kunst in der Provinz", die man "sehr wohl" erwarten könne. Und im Statement an der Eingangswand der Ausstellung heißt es sogar "Erneuerung aus der Provinz".

Dieses Selbstbewusstsein, das - ein Wort Noffkes - inzwischen vom "Gegenwohl" des Publikums belohnt wird, kommt nicht von ungefähr. Längst ist die Zeit vorbei, als man sich nach dem Kitsch der Nazi-Zeit nicht mehr traute, realistisch zu malen. Und als ein Maler wie Nikolaus Störtenbecker aus Munkbrarup als Revoluzzer gelten musste, weil er sich von der anti-naturalistischen Ästhetik der Gruppe "Zebra" brüsk abwandte.

Was die Schüler von Klaus Fußmann, Manfred Bluth oder Harald Duwe mit ihren Arbeiten belegen, ist schlicht eine "neue Philosophie des Sehens" (Fußmann), die sich, so der Geltinger weiter, anhand der "Leitlinien der Natur" entwickele. Ihre Weltanschauung ist keine abstrakte Ideologie, sondern die Anschauung der Welt - von Landschaften, Gesichtern, Gegenständen.

Dabei lässt sich immer wieder eine höchst subjektive Umsetzung der Realismus-Vorgabe erkennen, was die Ausstellung im Reitstall so abwechslungsreich-bereichernd (ein Prädikat, das im letzten Sommer die düstere Hommage auf den "Schädelkult" gerade nicht kennzeichnete) macht. Ein großer Publikumserfolg ist sowohl dem Museum wie den Künstlern wie auch Dr. Thomas Gädeke zu wünschen. Ab 1. September ist er nicht mehr kommissarischer Chef des Landesmuseums, weil dann Professor Dr. Kirsten Baumann das Szepter übernimmt. Der neue Verwaltungschef der Stiftung, Guido Wendt, ist bereits seit einigen Wochen im Amt.

Wer die Reithalle betritt, wird als erstes durch die großformatigen Bilder hoch oben an der Längswand in den Bann geschlagen. Etwa durch Christopher Lehmpfuhls farb-massiges Ölbild "Stürmische See (Rügen)" von 2007. Doch nicht weniger faszinierend sind manche Stillleben im hinteren Studio. So Hans-Joachim Billibs "Tisch-Tuch" von 2002: ein weißes Tuch vor grau-weißer Wand, Ende. Billib, schwer krebskrank, verschob seine Chemotherapie, als Gädeke sich zum Atelierbesuch angesagt hatte. Wenig später verstarb dieser Realist.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen