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Schleswiger Landeskrankenhaus auf dem Hesterberg : NDR-Film „Vergessene Seelen“ zeigt Medikamenten-Versuche an Kindern

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der NDR-Film „Vergessene Seelen“ erzählt, wie Ärzte auf dem Hesterberg über viele Jahre willkürlich Medikamente an Kindern ausprobierten.

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erstellt am 11.Nov.2017 | 07:00 Uhr

Es sind gespenstische Szenen, mit denen dieser Dokumentarfilm beginnt. Verlassene Räume in den zum Abriss freigegebenen Häusern der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf dem Hesterberg. Vor den Fenstern hängen verstaubte Gardinen. Auf dem Boden stapeln sich karge Holzstühle. Man ahnt sofort: Dies war kein guter Ort zum Leben. Dann kommt Franz Wagle ins Bild. Sichtbar ein gebrochener Mann. Er erzählt, wie er als Kind auf dem Hesterberg wohnte – oder wohl besser: gefangen gehalten wurde. Wie ihm immer wieder Medikamente eingeflößt wurden, von denen er spürte, dass sie ihm schadeten.

„Vergessene Seelen“ heißt dieser halbstündige Film von Christina Schepsmeier, Eike Lüthje und Julia Schumacher, der am Montag im NDR-Fernsehen ausgestrahlt wird. Dass Ärzte in der Schleswiger Kinder- und Jugendpsychiatrie zwischen den 1950er und 1970er Jahren ihre jungen Patienten für Medikamentenversuche benutzten, das ist öffentlich bekannt, spätestens seitdem die Krefelder Apothekerin Sylvia Wagner vor einem Jahr darauf aufmerksam machte, dass die Ärzte ihre Versuchsergebnisse damals in zahlreichen Fachzeitschriften publizierten.

„Unabhängig von der Diagnose“, schrieb einer der Ärzte, seien den Kindern Psychopharmaka verabreicht worden. Nicht um ihnen zu helfen, sondern um herauszufinden, welche Nebenwirkungen auftreten. Manche Kinder waren psychisch krank, manche geistig behindert, manche kamen nur ins Landeskrankenhaus, weil sie als schwer erziehbar galten.

Franz Wagle hatte von den Medikamentenversuchen schon lange berichtet, ebenso andere ehemalige Patienten wie Günter Wulf aus Sieverstedt, der in dem Film ebenfalls zu Wort kommt, oder der Schleswiger Alfred Koltermann. Lange Zeit, sagten sie, hätten sie das Gefühl gehabt, als Spinner abgetan zu werden.

Am schlechtesten kommen die Pharmakonzerne weg

Aus Sicht der Filmautoren vom NDR ist die Sache klar: Was im Landeskrankenhaus auf dem Hesterberg geschah, war ein gewaltiger Skandal. Dass das in Schleswig noch nicht alle so sehen, zeigte sich vor einem Jahr, als sich nach den Berichten über die Erkenntnisse von Sylvia Wagner ein örtlicher Psychiater zu Wort meldete, der meinte, hier würden psychisch Kranke „auf der Suche nach Sensationen als Mittel zum Zweck missbraucht“.

Solche Stimmen kommen in dem Film nicht zu Wort. Hier wird klar Partei ergriffen für die Opfer. Professoren wie der Gießener Medizinhistoriker Volker Roelcke ordnen die Versuche dabei klar als ethisch verwerflich und wohl auch nach damaliger Gesetzeslage als rechtswidrig ein. Kritik gibt es auch am Land Schleswig-Holstein, das sich mit einer Entscheidung über eine mögliche Wiedergutmachung mindestens bis 2020 Zeit lassen will, um die Vorgänge erst einmal aufzuarbeiten.

Am schlechtesten aber kommen die Pharmakonzerne weg, deren Präparate auf dem Hesterberg getestet wurden. Zwar sagt ein Sprecher des Verbands der Arzneimittelhersteller, er könne sich nicht vorstellen, dass sich die Konzerne einer Entschädigungsregelung verweigern würden – die angefragten Unternehmen von Bayer bis Novartis antworteten dem NDR aber entweder gar nicht oder mit dem Hinweis darauf, dass sie zu Geschehnissen, die so weit in der Vergangenheit liegen, keine Unterlagen mehr besäßen.

Die Mediziner, die die Medikamente verabreichten, leben nicht mehr. In einer kurzen Sequenz äußert sich der Kappelner Propst Helgo Jacobs, dessen Vater Rolf als Arzt auf dem Hesterberg an den Versuchen beteiligt war. Zu den medizinischen Hintergründen kann er nichts sagen. Er glaube aber, dass es die Absicht seines Vaters gewesen sei, „das Beste zu leisten“. Der Film konzentriert sich ganz auf das Thema Medikamentenversuche. Das seelische Leid der Kinder, die körperlichen Misshandlungen, die emotionale Kälte, der sie ausgesetzt waren, kommen nur in wenigen Szenen zum Vorschein, zum Beispiel als Franz Wagle sagt: „Als Kind, wenn du nicht rauskommst, kannst du nur aus dem Fenster gucken. Vielleicht erhaschst du einen Blick auf die Freiheit.“

Vergessene Seelen – Menschenversuche am Landeskrankenhaus Schleswig“, Montag, 13. November, 22.45 bis 23.15 Uhr im NDR-Fernsehen

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