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Krebserzeugende Stoffe : NDR-Bericht: Ist der Lärmschutzwall bei Selk an der A7 eine Müllhalde?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Möglicherweise belasteter Boden wird an der Autobahn verbaut. Die Kreisbehörde überprüft Ergebnisse widersprüchlicher Proben.

Eigentlich soll ein Schutzwall, wie es sein Name schon sagt, vor etwas schützen. So auch der sich gerade in Höhe Selk an der A7 im Bau befindliche Lärmschutzwall. Die Dorfbewohner hatten ihn sich gewünscht und die direkt an der Autobahn Kies abbauende Firma Harder aus Westerrönfeld kam diesem Wunsch gerne nach. Sie erklärte sich bereit, einen fünf Meter hohen Wall zu errichten und ihn der Gemeinde sogar zu schenken – auch um mögliche Bedenken der Selker gegenüber dem Kiesabbau, der bekanntlich nicht lautlos vonstatten geht, möglichst klein zu halten, wie Geschäftsführer Jörg Harder zugibt. Mittlerweile stehen 700 Meter des Erdwalls mit einer Fußbreite von elf Metern – von der Autobahn aus gut sichtbar. 300 weitere Meter sind noch vorgesehen, doch nun könnte der Bau ins Stocken geraten, denn plötzlich ist gar nicht mehr klar, ob der Wall die Bewohner wirklich vor etwas schützt, oder vielmehr selbst eine Gefährdung für sie darstellt.

Einem am Dienstag ausgestrahlten NDR-Beitrag („Panorama“) zufolge ist in dem Wall mit Schadstoffen belasteter Boden aus einer Kiesgrube in der Gemeinde Schalkholz (Kreis Dithmarschen) verarbeitet worden. In dem Bericht ist von „krebserzeugenden Stoffen“ (Polycyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, PAK) die Rede, die gefährlich für das Grundwasser seien. Der NDR hatte heimlich in der Schalkholzer Kiesgrube Wasser- und Bodenproben entnommen, sie von einem Labor analysieren lassen und sowohl den Kiesgruben-Betreiber, den international agierenden Baustoffkonzern Holcim, als auch die Kontrollbehörde des Kreises Dithmarschen mit den Besorgnis erregenden Laborbefunden konfrontiert.

Beide, Unternehmen und Kontrollbehörde, entgegneten auf diese Vorwürfe, in ihren eigenen Proben keinerlei nicht zulässige Stoffe gefunden zu haben. Sie kündigten aber an, das in Frage stehende Material, das laut dem Unternehmen illegal auf dem eigenen Gelände entsorgt worden sei, von Fremdstoffen zu säubern und es außerhalb des Kieswerks zu verwerten. Die Erde musste also schnell weg, sicherlich auch, weil Holcim aufgrund von Gerüchten um Pläne für eine Deponie für mineralische Abfälle auf dem Kiesgrubengelände in Schalkholz eh schon von der Öffentlichkeit kritisch beäugt wurde. Bürgerinitiativen, die die Zulassung einer Müllhalde verhindern wollen, haben sich bereits in Dithmarschen gegründet.

Also wurde das Material in den vergangenen zwei Wochen abtransportiert – und zwar in den Kreis-Schleswig-Flensburg. Jörg Harder bestätigt auf Nachfrage, dass zirka 25.000 bis 28.000 Tonnen Erde aus der Schalkholzer Kiesgrube nun in Selk liegen. Das ist eine ganze Menge, wenn man sich verdeutlicht, dass ein Lkw pro Fahrt gerade einmal eine Ladung von 25 Tonnen fasst. Das Material wurde bereits nahezu komplett in dem Lärmschutzwall an der A7 verbaut.

Gut 200 Meter Wall wurden damit aufgeschüttet, denn nicht die vermeintlich hohen Schadstoffwerte, sondern schlicht Lagerungsverordnungen seien der Grund für den Abtransport der Erde aus Dithmarschen, sagt Harder. „Der Boden musste dort raus aus der Grube, weil in Schalkholz keine Verkippungs-Genehmigung vorliegt“, erklärt er. Eine solche Genehmigung berechtigt Kiesgrubenbetreiber, die beim Kiesabbau entstehenden Gruben gegebenenfalls wieder mit sauberem Boden zu füllen. In Selk sei das grundsätzlich möglich, dort benutzte man das Material aus Schalkholz aber direkt für den Bau des Lärmschutzwalls. Dass eine solch große Menge an Boden auf einmal dafür zur Verfügung stand, sei sogar erfreulich gewesen. Sonst komme nur peu à peu Erde von einzelnen Baustellen zusammen.

Gießereisande: Solche Klumpen fanden Jürgen Strube und seine Kollegen auch in Selk.
Gießereisande: Solche Klumpen fanden Jürgen Strube und seine Kollegen auch in Selk. Foto: Jäger
 

Die Schalkholzer Erde, die laut NDR-Bericht mit Bauschutt, Teerbrocken und Kunststoffen versetzt gewesen sein soll, ist nach Auskunft Harders „ganz normaler Aushubboden, der vermutlich von Baumaßnahmen im Kreis Dithmarschen stammt“. Eine damit einhergehende Gesundheitsgefährdung schließt er aus und beruft sich dabei auf die von der Dithmarscher Kreisbehörde entnommenen Proben. Er habe keinen Grund, an diesen Ergebnissen zu zweifeln und wirft dem Fernsehsender eine Dramatisierung vor. Das gelte auch in Bezug auf die vom NDR als schädlich eingestuften schwarzen Erdklumpen, sogenannte Gießereisande. Diese wurden trotz der angekündigten Säuberung der Erde auch in Selk wiedergefunden. „Diese Klumpen wurden x-Mal beprobt und waren immer unbedenklich“, betont Harder.

Dabei handele es sich um mit Bindemitteln versetzten Sand, der als Einweg-Formschalen für zu gießende Metallteile verwendet werde, erklärt Jürgen Strube, Leiter der Abfall- und Bodenschutz-Behörde des Kreises Schleswig-Flensburg. Diese ist informiert und alarmiert. Kommende Woche würden neue Proben an verschiedenen Stellen genommen, um sich „ein eigenes Bild zu machen“, so Strube. Momentan gebe es widersprüchliche Probenergebnisse, die keine eindeutige Schlussfolgerung zuließen.

Auch wenn die Schadstoff-Werte der vom NDR in Auftrag gegebenen Proben bestätigt würden, gelte zwar, dass „es keine akute Gesundheitsgefährdung gibt“, sagt Strube, aber es sei dann zu klären, „ob dieses Material in den Wall gehört“. Tendenziell möchte aber auch er nichts dramatisieren: Er gehe davon aus, dass die womöglich schädlichen Stoffe nicht die Tiefe des Grundwassers, das auch für Trinkwasser genutzt wird, erreichen, sagt aber auch: „Grundwasser ist per se schützenswert.“ Ein Ergebnis der neuen Proben soll frühestens in der übernächsten Woche vorliegen.

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erstellt am 28.Mär.2015 | 12:00 Uhr

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