Missglückte Sprengung : Nahm Panzerknacker Tote in Kauf?

 Zwei Bankautomaten in der Nospa-Filiale in der Bahnhofstraße wollte der Täter sprengen.
Zwei Bankautomaten in der Nospa-Filiale in der Bahnhofstraße wollte der Täter sprengen.

Nach der missglückten Sprengung von Geldautomaten in der Friedrichsberger Nospa-Filiale steht ein 36-Jähriger steht seit Montag wegen versuchten Mordes vor Gericht.

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15. Juli 2014, 07:49 Uhr

Es sind die frühen Morgenstunden des 21. Dezembers 2013. Nach einem lauten Knall wacht eine Anwohnerin der Schleswiger Bahnhofstraße auf, blickt aus dem Fenster und sieht einen Mann, der sich augenscheinlich an der unter ihrer Wohnung befindlichen Nospa-Filiale zu schaffen macht. „Als ich die weißen Schläuche sah, wusste ich, dass da was nicht stimmt“, sagt sie. Als die alarmierten Polizeibeamten schließlich eintreffen, stellt sich heraus: Jemand hatte – vergeblich – versucht, die beiden Geldautomaten der Bank zu sprengen.

Gestern nun musste sich der mutmaßliche Täter, der damals zunächst flüchtig war, im Saal A 316 des Landgerichts Flensburg verantworten. Staatsanwalt Lars Truknus wirft dem 36-Jährigen vor, den Tod der Bewohner des Gebäudes in der Bahnhofsstraße billigend in Kauf genommen zu haben. Der Angeklagte habe eine Mischung aus Sauerstoff und Äthylen in die abgeklebten Schlitze der Geldautomaten geleitet und dies dann mit einem selbstgebauten Zünder entfachen wollen. Der Einsatz eines solch explosiven Gasgemischs und das Handeln aus scheinbarer Habgier rechtfertigten, so Truknus, eine Anklage wegen versuchten Mordes – die zudem von weiteren Vorwürfen begleitet wird.

Denn dem Mann, der zur Zeit in Lübeck lebt, aber in Schleswig aufgewachsen ist, wird darüber hinaus zur Last gelegt, eine weitere Sprengung eines Automaten in Husum Ende Januar 2014 versucht zu haben. Zudem soll er mehrere Fahrzeuge und Nummernschilder zu Fluchtzwecken gestohlen haben. Eines der Autos soll er nach der missglückten Sprengung im Niekoppelweg in Brand gesetzt haben, um Spuren zu verwischen.

Unter dem Vorsitz von Richter Michael Lembke befasst sich die 1. Große Strafkammer, bestehend aus drei Richtern und zwei Schöffen, nun mit dem komplexen Sachverhalt. Der Angeklagte wird von zwei Lübecker Strafverteidigern vertreten. Am ersten von zunächst fünf angesetzten Prozesstagen wurden sieben Zeugen befragt. Darunter waren auch die Polizisten, die den studierten Diplom-Biologen im Januar nach dem Sprengungsversuch in Husum auf frischer Tat ertappt hatten. Der Angeklagte, der zu diesem Zeitpunkt mit seiner Frau das zweite Kind erwartete und die Jahre zuvor in Indonesien gelebt hatte, nannte in der ersten Vernehmung finanzielle Gründe als Motiv, berichtete einer der Polizisten. So sei das Unternehmen des Mannes, das auf den Handel mit Kaffee spezialisiert gewesen war, zuvor Pleite gegangen. Nun habe er für seine Familie eine neue Existenz aufbauen wollen. „Dabei wirkte der Beschuldigte zwar etwas nervös, erklärte sein Vorgehen aber sehr genau und blieb sehr höflich“, erinnerte sich der 38-jährige Polizeibeamte im Zeugenstand.

Allerdings ist bislang noch nicht geklärt, ob die Aussagen des Angeklagten überhaupt im Prozess verwendet werden dürfen. Seine Verteidiger sehen Ungereimtheiten bei der Erstvernehmung ihres Mandanten, die in einem sogenannten Beweisverwertungsverbot enden könnten. Auch scheint die psychische Verfassung des Angeklagten zum Zeitpunkt der Tat noch nicht gänzlich geklärt zu sein. So gab derselbe Zeuge an, dass der 36-Jährige ihn nach möglichen Arbeitsbedingungen bei der Polizei gefragt habe, da er ähnlich wie der Protagonist in der Hollywood-Gaunerkomödie „Catch Me If You Can“ als Berater für die Beamten tätig sein wolle. Dies sei aus Sicht der Verteidiger ein Hinweis darauf, dass ihr Mandant die Ausmaße seiner Tat und den Ernst der Lage trotz minutiöser Planung nicht erkannt habe.

In den weiteren vier Prozesstagen bis Ende August muss das Gericht nun Vorsatz und Schuld des Angeklagten klären. Zu einem möglichen Strafmaß äußerte sich Staatsanwalt Truknus noch nicht. Sollten sich die Vorwürfe des versuchten Mordes an den Hausbewohnern jedoch bestätigen, lautet das Urteil möglicherweise lebenslange Haft.

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