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Kindheit in der Psychiatrie : „Nachts kamen fremde Männer“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Alfred Koltermann berichtet, wie er in den 60er Jahren in der Kinderpsychiatrie auf dem Schleswiger Hesterberg sexuell missbraucht wurde. Jetzt kämpft er um Opferentschädigung.

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erstellt am 18.Apr.2015 | 12:00 Uhr

Neulich stand Alfred Koltermann in der Tür der SN-Redaktion im Stadtweg. In der Hand hielt er einen Brief von Joachim Gauck. Genau genommen war der Brief nicht vom Bundespräsidenten persönlich, unterschrieben hatte ihn Staatssekretär David Gill, der Chef des Bundespräsidialamtes. Aber das war Alfred Koltermann egal. Die Antwort aus Berlin war für ihn der erste große Sieg in seinem einsamen Kampf um Opferentschädigung. „Sie können sicher sein“, schrieb Gill, „dass der Bundespräsident sich auch in Zukunft dafür einsetzen wird, das Unrecht, das Menschen wie Ihnen widerfahren ist, aufzuklären.“

Dieses Unrecht geschah in Schleswig, in staatlicher Obhut und zu einer Zeit, als die junge Bundesrepublik eigentlich längst ein Rechtsstaat war. Alfred Koltermann, Jahrgang 1952, verbrachte fast seine ganze Kindheit als Patient im Landeskrankenhaus auf dem Hesterberg. Mit welcher Diagnose er eingewiesen wurde in die Psychiatrie, lässt sich nicht mehr klären. Geboren wurde er in einem Säuglingsheim in Priesdorf bei Neumünster. Dort blieb er, bis er sechs Jahre alt war. Dann kam er nach Schleswig in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Patientenakten aus jener Zeit sind längst vernichtet. Bisher ist öffentlich wenig darüber bekannt, wie es in den 50er und 60er Jahren in dieser Einrichtung zuging. Ein anderer Patient, Wolfgang Petersen, der inzwischen in Nordrhein-Westfalen lebt, hat vor einem Jahr in unserer Zeitung und in einer Fernseh-Dokumentation des WDR von seinen Erlebnissen berichtet.

Petersen wurde geschlagen, ans Bett gefesselt und mit Medikamenten ruhig gestellt. Von all dem erzählt auch Alfred Koltermann. Doch er erzählt noch mehr. Bei einem Rundgang über das ausgedehnte Gelände des einstigen Landeskrankenhauses auf dem Hesterberg bleibt Koltermann vor einem abbruchreifen Backsteinbau stehen. „Hier war unser Schlafsaal“, sagt er. „Manchmal sind in der Nacht Männer zu uns an die Betten gekommen.“ Koltermann spricht von sexuellem Missbrauch. Woher die Männer kamen? „Das weiß ich nicht. Es waren Fremde. Keine Pfleger, die wir kannten.“ Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass Koltermanns Erinnerungen zutreffen, auch wenn sich das rund 50 Jahre danach kaum noch aufklären lässt. Doch auch ein weiterer Patient, der heute in Bayern lebt, wo er als Friseur arbeitet, berichtet gegenüber den SN von denselben Erlebnissen.

Die Aufarbeitung dessen, was in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik in Einrichtungen der Jugendpsychiatrie geschehen ist, steht noch ganz am Anfang. Erst vor wenigen Wochen hat das Kieler Sozialministerium eine Sonderbeauftragte benannt, die sich mit dem Thema beschäftigen wird. Es ist die frühere Landespastorin Petra Thobaben. Sie arbeitet dazu auch mit der Helios-Fachklinik zusammen, der Nachfolgerin des Schleswiger Landeskrankenhauses. „Die Datenlage ist schwierig“, sagt Thobaben. Deshalb hofft sie, dass noch mehr ehemalige Patienten den Schritt wagen, von ihrer Kindheit in der Psychiatrie zu berichten.

Dass Alfred Koltermann dies nun tut, hat auch mit der öffentlichen Aufmerksamkeit zu tun, die ehemalige Bewohner von Kinder- und Jugendheimen in den vergangenen Jahren erfahren haben. Für sie haben Bund, Länder und Kirchen inzwischen einen Entschädigungsfonds aufgelegt. Sein Leid hat Koltermann überwunden. Er sagt: „Ich kann nicht vergessen, was mit mir geschehen ist, aber ich kann damit umgehen.“ Eine Entschädigung hätte er auch deshalb gern, weil er sich Sorgen macht um seine Rente. Vor einiger Zeit hat er sich ausrechnen lassen, was ihn erwartet. Jetzt weiß er: Es wird nicht zum Leben reichen. Das ist eine indirekte Folge seiner Kindheit und Jugend in der Psychiatrie. Er hat zwar sein ganzes Leben lang im Gartenbau und in der Försterei hart gearbeitet, aber erst ab 1990 hatte er einen Arbeitgeber, der für ihn Beiträge in die Rentenkasse zahlte. Vorher war das, was er tat, als „Therapiearbeit“ etikettiert, für die er nur ein Taschengeld erhielt.

In der Politik ist inzwischen unstreitig, dass es auch für die Bewohner der Kinder- und Jugendpsychiatrie eine Entschädigung geben sollte. Allerdings werden sich Bund und Länder nicht einig, in welcher Form und wer davon wie viel zahlen soll. Koltermann wandte sich an die Schleswiger CDU-Bundestagsabgeordnete Sabine Sütterlin-Waack. Sie half ihm dabei, seinen Brief an den Bundespräsidenten zu verfassen. Denn Koltermann selbst kann nicht schreiben und auch nur mit Mühe lesen. Es gab auf dem Hesterberg zwar eine Schule für die Kinder der Psychiatrie, aber dort lernte er nicht viel. Vielleicht, sagt er, lag das an den Medikamenten, mit denen er ruhig gestellt worden sei, vielleicht daran, dass er regelmäßig aus dem Unterricht geholt wurde, um in den Krankenhaus-eigenen Gemüsegärten zu arbeiten.

Jedenfalls kann er deshalb auch ein Buch nicht lesen, von dem er viel gehört hat und das über viele Wochen auf den Bestsellerlisten stand: Joachim Meyerhoffs „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“, in dem der Sohn des früheren Krankenhausdirektors Hermann Meyerhoff das Leben auf dem Hesterberg in den 70er Jahren beschreibt. Die dunklen Zeiten, die Koltermann durchmachte, waren damals vorbei, aber zu erahnen sind sie noch in dem Roman. Meyerhoff und sein Vorgänger Döhner, davon ist Koltermann überzeugt, wussten nichts von den Misshandlungen, die ihren Patienten zugefügt wurden. „Die Pfleger haben das nur gemacht, wenn kein Arzt da war. Wenn wir blaue Flecken hatten, sagten sie, wir wären gegen die Heizung gefallen.“

>Die Landesbeauftragte Petra Thobaben ist auf der Suche nach weiteren Patienten aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sie ist per E-Mail zu erreichen unter petra.thobaben@thobaben.org

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