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Schleswig : Nach Messer-Attacke im Restaurant: Erst in die Psychiatrie – dann zurück nach China

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Das Landgericht erklärt den China-Koch, der seinen Kollegen mit einem Messer angegriffen hatte, für nicht schuldfähig. Wahrscheinlich wird er bald in seine Heimat abgeschoben.

Es war ein in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlicher Strafprozess, der gestern vor dem Flensburger Landgericht zu Ende ging. Wie schon an den vorherigen Verhandlungstagen saß der 32-jährige chinesische Koch mit nahezu teilnahmslosem Gesicht auf der Anklagebank. Er rührte sich auch nicht, als Richterin Birte Babener das Urteil verkündete: Freispruch wegen Schuldunfähigkeit, Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus.

Als der Prozess im September begann, hatte niemand ein solches Urteil erwartet. Die Staatsanwaltschaft hatte dem Mann versuchten Totschlag vorgeworfen. Er hatte am Gründonnerstag an seinem Arbeitsplatz, dem China-Restaurant am Wikingturm, einen Kollegen mit einem Gemüsemesser attackiert und so schwer verletzt, dass er mehrere Tage im Krankenhaus lag und wochenlang arbeitsunfähig war.

Das Motiv wirkte von Anfang an rätselhaft: Es ging ums Mittagessen für das Personal. Angeblich hatte der Kollege es nicht pünktlich zubereitet. In den Augen des Restaurant-Geschäftsführers, der zum Zeitpunkt der Tat nicht im Hause war, ein völlig unsinniger Auslöser für den blutigen Streit. „Wer Hunger hat, kann sich bei uns jederzeit etwas vom Büffet nehmen“, sagte er im Zeugenstand.

Doch während des gesamten Prozesses fand sich kein einziges Anzeichen dafür, dass der Koch in Wahrheit ein anderes Motiv gehabt haben könnte. Immer deutlicher wurde, dass der Mann unzurechnungsfähig ist. Einmal musste ein Verhandlungstermin kurzfristig ausfallen, weil der Angeklagte kurz zuvor vom Gefängnis ins Krankenhaus verlegt worden war. Er hatte um sich geschlagen und wirres Zeug geredet. Mit Hilfe einer telefonisch zugeschalteten Dolmetscherin fanden die Justizbeamten heraus, dass er vom chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping „zehn Millionen in bar“ forderte.

Seither war der Angeklagte in der geschlossenen Abteilung der psychiatrischen Fachklinik in Neustadt/Holstein untergebracht. Dort wird er vorläufig bleiben. Die Ärzte haben eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Im Nachhinein, sagte Gutachter Andreas Zyzik, müsse man die Tat wohl als erstes Symptom der beginnenden Krankheit verstehen.

Nebenkläger-Anwalt Ingo Ziesemer sagte dazu: „So einen Fall hatte ich in meiner bisherigen Laufbahn noch nicht, dass Ereignisse nach Beginn des Prozesses einen Schuldspruch verhindern.“ Auch er beantragte einen Freispruch, sagte aber: „Ich will nicht verhehlen, dass Zweifel bleiben. Mit einem gewissen schauspielerischen Talent wäre es möglich, so etwas zu inszenieren.“

Für die Unterbringung in der geschlossenen Abteilung hat das Gericht keine zeitliche Grenze gesetzt. Gutachter Zyzik ging davon aus, dass der Mann dauerhaft für die Allgemeinheit gefährlich sein wird. Theoretisch müsste er also damit rechnen, länger eingesperrt zu bleiben, als es der Fall gewesen wäre, wenn das Gericht ihn für schuldfähig befunden und wegen schwerer Körperverletzung oder versuchten Totschlags verurteilt hätte.

Vermutlich wird es aber anders kommen. Seine befristete Aufenthaltserlaubnis, die er als chinesischer Spezialitätenkoch erhalten hatte, ist im Oktober ausgelaufen. Die Ausländerbehörde wird ihn wohl demnächst abschieben. Was in China mit ihm geschehen wird, ob und wie er dort psychiatrisch behandelt wird, ist offen. „Dieser Fall wird mich noch eine Weile beschäftigen“, ahnt sein Verteidiger Yu Lin, der bereits Kontakt zum chinesischen Konsulat in Hamburg aufgenommen hat.

Der Angeklagte selbst sagte gestern nur einen Satz: „Ich habe Heimweh.“ An allen Verhandlungstagen hatte er kaum etwas von seinem Innenleben preisgegeben. Es wurde aber deutlich, wie einsam er sich in Deutschland gefühlt haben muss, bevor seine Schizophrenie ausbrach. Er lebte in Schleswig völlig isoliert und praktisch ohne Deutschkenntnisse. Nicht einmal mit seinen Kollegen im Restaurant – überwiegend Vietnamesen – konnte er sich verständigen.

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erstellt am 17.Nov.2015 | 07:47 Uhr

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