Brandschutz : Nach Feuer im Grenfell Tower: Stadt droht mit Sperrung des Wikingturms

Der Wikingturm: Als er vor rund 40 Jahren gebaut wurde, waren die Brandschutz-Auflagen nicht annähernd so streng wie heute.
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Der Wikingturm: Als er vor rund 40 Jahren gebaut wurde, waren die Brandschutz-Auflagen nicht annähernd so streng wie heute.

Seit Jahren fordert das Bauamt mehr Brandschutz in Schleswigs höchstem Wohngebäude. Nach dem Hochhausbrand von London hat die Bauaufsicht nun die Gangart verschärft.

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27. Juni 2017, 06:50 Uhr

Schleswig | Die E-Mail, die Uwe Kiesling vor wenigen Tagen aus dem Schleswiger Bauamt erhielt, war deutlich: Der Hausverwalter des Wikingturms solle bitte mitteilen, welche Maßnahmen in die Wege geleitet seien, um den Brandschutz zu verbessern. Andernfalls, schrieb Georg Brauer, der Leiter der städtischen Bauaufsicht, „sehe ich mich genötigt, die Nutzung des Gebäudes umgehend zu untersagen“.

Die Situation erinnert auf den ersten Blick an die Vorgänge in London am vergangenen Wochenende, als die Verwaltung des Stadtteils Camden die Bewohner von fünf Hochhaustürmen nächtens evakuierte, weil sie nach dem verheerenden Feuer im Londoner Grenfell Tower den Brandschutz nicht gewährleistet sah. Dennoch ist der Wikingturm mit diesen Hochhäusern kaum vergleichbar.

Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Auseinandersetzung, die schon seit vier Jahren schwelt. Damals waren bei einer Brandschau der Kreisverwaltung erhebliche Sicherheitsmängel im Wikingturm festgestellt worden.

Sie suchen nach einer einvernehmlichen Lösung: die Eigentümerbeiräte Jutta Trebbow (li.) und Cornelia Herrmann.
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Sie suchen nach einer einvernehmlichen Lösung: die Eigentümerbeiräte Jutta Trebbow (li.) und Cornelia Herrmann.
 

Als nun die Mail aus dem Bauamt eintraf, war nicht nur Hausverwalter Kiesling alarmiert, sondern auch Jutta Trebbow und Cornelia Herrmann. Die beiden Frauen sind die gewählten Vertreter der rund 190 Miteigentümer des Wikingturms. Wenn das Bauamt seine Drohung ernst macht, dann müssten sie genau wie ihre Nachbarn aus den 26 Stockwerken in dem 88 Meter hohen Gebäude ihre Wohnungen sofort verlassen. Brauer bezog sich in seiner Mail auf eine Verfügung aus dem Februar, in der er die unverzügliche Umsetzung bestimmter Brandschutz-Auflagen verlangt hatte. Die Eigentümer des Turms hatten dagegen Widerspruch eingelegt. Dieser Widerspruch hat aus Sicht des Bauamtes jedoch keine aufschiebende Wirkung.

„Wir haben doch schon viele Maßnahmen umgesetzt“, sagt Trebbow. Zum Beispiel sind die Löschwasserleitungen, die sich durch den ganzen Turm ziehen, erneuert worden. Dafür hat die Eigentümergemeinschaft rund 700.000 Euro ausgegeben.

Aus Sicht des Bauamtes ist das nicht genug. Es gab einmal ein Sanierungskonzept, das weitere Investitionen in Höhe von 2,3 Millionen Euro vorsah. Ende 2015 beschloss die Eigentümerversammlung eine abgespeckte Variante. Kostenpunkt: 1,8 Millionen Euro. „Das hätten wir schon längst umgesetzt, aber wir konnten nicht“, sagt Trebbow und widerspricht Darstellungen, die Eigentümer würden sich gegen den Brandschutz sträuben.

Zwei der Miteigentümer jedoch erhoben vor Gericht Klage gegen den Beschluss der Versammlung. Zu einer Gerichtsverhandlung kam es nicht. Man einigte sich mit den Klägern darauf, von einem zweiten Ingenieurbüro noch einmal nachrechnen zu lassen, ob es nicht doch noch günstiger geht.

Viele Bewohner des Turms, sagt Jutta Trebbow, sehen ihre Altersvorsorge in Gefahr. Die Rücklagen der Eigentümergemeinschaft reichen bei weitem nicht aus, um die geplante Brandschutzsanierung zu stemmen. Pro Wohnung werden die Eigentümer 10.000 Euro und mehr aufbringen müssen.

Am Montag hat Kiesling mit dem beauftragten Ingenieur über das weitere Vorgehen beraten. Dabei geht es um Fragen wie die, ob eine Lautsprecheranlage in allen Wohnungen wirklich erforderlich ist. Das bisherige Konzept sieht so etwas vor, um die Bewohner im Brandfall zu alarmieren. Näheres möchte er auf einer Eigentümerversammlung erörtern, die so schnell wie möglich einberufen werden soll. Wegen der Sommerferien wird diese aber möglicherweise nicht vor September stattfinden. Ob die Bauaufsicht so lange abwartet? Brauer wollte sich dazu gegenüber dem sh:z nicht äußern. Schließlich handle es sich um ein „laufendes Verfahren“.

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