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Schulbeginn im Kreis Schleswig-Flensburg : Nach der Flucht beginnt die Schule

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Zahl der Erstklässler im Kreisgebiet steigt auch dank vieler Flüchtlingskinder leicht an. Besondere Förderungen übernehmen zwölf Deutsch-Zentren.

von
erstellt am 02.Sep.2015 | 12:45 Uhr

Die Prognosen gingen von anderen Voraussetzungen aus: Eigentlich, da waren sich die Fachleute noch vor einigen Monaten einig, sollte der Trend bei den Einschulungen im Kreisgebiet stetig nach unten weisen. Doch zumindest in diesem Jahr kommt es anders. Die Erhebung des Schulamtes weist gegenüber dem Vorjahr sogar eine höhere Zahl an Abc-Schützen aus: 1492 Erstklässler werden an den Grundschulen erwartet, vor einem Jahr waren es vier weniger. Die Gründe dafür mögen vielschichtig sein, ein wesentlicher Faktor jedoch liegt auf der Hand: Der starke Zuzug von Flüchtlingen macht sich auch an den Schulen bemerkbar, insbesondere an jenen, die sogenannte DaZ-Zentren angedockt haben (DaZ = Deutsch als Zweitsprache). Die sind, da ist Schulrätin Gabriele Wiese sicher, auf den Zuwachs eingerichtet.

Mohamad ist zwölf Jahre alt. Und während für die Abc-Schützen heute der große Moment gekommen ist, war seiner bereits Anfang Juli: der erste Schultag. Erst wenige Wochen zuvor war er mit seiner Mutter und seiner Schwester Rama (10) nach Schleswig gekommen. Viele Monate waren sie zuvor vom Vater getrennt, der bereits vor einem Jahr in Schleswig ankam. Doch die Flucht aus dem vom Bürgerkrieg zerrütteten Syrien hatte die Familie getrennt. Er in Schleswig, der Rest der Familie in Kairo in Ägypten. Ende Juni kehrte endlich so etwas wie Normalität in der Familie ein – wenn auch in der Fremde, dafür aber in Sicherheit.

Zum geregelten Alltag gehört für Rama und Mohamad inzwischen der tägliche Weg an die Schleswiger Dannewerkschule, und obwohl sie zuvor nie ein Wort Deutsch kannten, können sie sich jetzt bereits ganz gut verständigen. An ihrer Schule werden die beiden Kinder besonders gefördert. Denn im DaZ-Zentrum der Dannewerkschule lernen inzwischen mehr als 30 Schüler aus der ganzen Welt Deutsch. Mädchen und Jungen zwischen zehn und 18 Jahren verschiedener Herkunft, Religion, Vorbildung und Schulsozialisation lernen miteinander und voneinander. Auch die Schleswiger St.-Jürgen-Schule hat ein DaZ-Zentrum. Hier erhalten die Flüchtlingskinder mindestens zwei Stunden am Tag gezielt auf ihre Situation abgestimmten Deutschunterricht, zum Teil aber auch vier Stunden. In diesem Jahr sind allein fünf oder sechs Flüchtlingskinder unter den Erstklässlern, erläutert Schulleiterin Gabi Roder. Und ihnen soll die Integration so leicht wie möglich gemacht werden. Deshalb werden sie zwar sprachlich gezielt gefördert, in anderen Fächern wie Sport oder Musik jedoch mit den anderen Kindern zusammen unterrichtet. „So lernen sie die Alltagssprache der anderen Kinder kennen und verstehen“, sagt die Schulleiterin.

Neben der St.-Jürgen- und der Dannewerkschule gibt es im Kreis inzwischen zehn weitere DaZ-Zentren. Vor acht Jahren waren es gerade einmal zwei Gruppen. Der Bedarf steigt zurzeit stetig. Wurden im Herbst des vergangenen Jahres 187 Schüler der Klassenstufen 1 bis 10 an DaZ–Zentren unterrichtet, so ging die Planung für das jetzt beginnende Schuljahr im Frühjahr noch von 203 Kindern und Jugendlichen aus, Stand gestern waren es aber bereits fast 300. Bisher, sagt Wiese, sei es kein Problem, die vielen Flüchtlingskinder aufzunehmen. „Wartelisten haben wir nicht, und weil wir schon in der Vergangenheit darauf geachtet haben, an den Schulen mit DaZ-Zentren Lehrkräfte mit entsprechender Zusatzqualifikation einzustellen, sind wir gut gewappnet.“ Sollte es allerdings notwendig werden, weitere DaZ-Gruppen zu eröffnen, sähe es anders aus. Wiese: „Wenn wir jetzt zusätzliche Lehrkräfte dafür benötigen, wird es eng. Der Markt ist leergefegt.“

An den meisten Schulen mit DaZ-Zenrum steigen zum neuen Schuljahr die Anmeldezahlen, an der Schleswiger St.-Jürgen-Schule beispielsweise von 24 im vergangenen auf nun 34, in Mittelangeln (Satrup) von 68 auf 75 Kinder. So tragen die kleinen Flüchtlinge auch zur Stabilisierung der ein oder anderen kleineren Schule bei.

Wieses Schulratskollegin Sybille Pahlke sieht zwar angesichts der aktuellen Anmelde-Zahlen keine der vielen kleinen Schulen im Kreis, die vielfach schon zu Außenstellen größerer Schulen wurden, in akuter Gefahr. „Aber wir haben natürlich Standorte, über die wir Jahr für Jahr mit Schulverband und Standortgemeinde diskutieren, wie lange das noch gut geht“, sagt sie. So sei zwar die Lehrerversorgung rechnerisch bei 100 Prozent, doch in der Praxis könne das bei Schulen, die jahrgangsübergreifend arbeiten, weil sie die Klassengrößen von 22 Kindern nicht annähernd erreichen, beispielsweise in Krankheitsfällen zu Engpässen führen. 

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