Carl Julius im Lollfuss : Nach 93 Jahren ist Schluss

Ende Juni schließt das Traditionsgeschäft Carl Julius: Der Lollfuß verliert eine einmalige Fundgrube für Handwerker, Segler und Gartenfreunde.

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22. Mai 2015, 11:42 Uhr

  Hier findet der Kunde nahezu alles – von Bohrmaschinen über Segelzubehör, Gummistiefel und Sicherheitsschuhe bis zu einzelnen Schrauben in fast jeder erdenklichen Größe. Um zusammenzufassen, was die Firma Carl Julius im Lollfuß 73 verkauft, sind auf dem Briefkopf zwei Zeilen über die ganze Breite des Papiers erforderlich: „Technische Bedarfsartikel, Berufsbekleidung, Arbeitsschutz, Werkzeuge, Hydraulik, Bootsausrüstung, Tauwerk, Drahtseile.“

40  000 Artikel, sagt Inhaber Jürgen Sievers, hat er auf Lager. Das ist eine grobe Schätzung. In den nächsten fünf Wochen möchte er davon so viel wie möglich an den Kunden bringen – beim Ausverkauf. Denn am 30. Juni schließt er für immer. „Ich bin 78 Jahre alt, langsam wird es Zeit für den Ruhestand“, sagt er – und seine Frau Ursel stimmt zu. Es gibt niemanden, der die Firma übernehmen will.

Von den beiden traditionsreichen Geschäften im westlichen Lollfuß bleibt dann nur noch der Eisenwarenhandel Mackrott wenige Häuser weiter. Auch dort bekommt der Kunde einzelne Schrauben. Und auch dort fühlt sich der Kunde zurückversetzt in vergangene Zeiten, als es noch keine Baumärkte am Stadtrand gab, Dennoch, so betont Sievers: „Unsere Sortimente unterscheiden sich deutlich.“

Als sein Großvater Carl Julius das Unternehmen 1922, wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, gründete, da konzentrierte er sich noch auf Maschinenöle und Fette. Die bekommt man bei Julius noch heute. Carl Julius starb schon 1938. Seine Witwe Dora führte das Unternehmen durch die Kriegsjahre. 1947 kam ihr Sohn Helmut als Spätheimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Gemeinsam mit seiner Schwester Karla, der Mutter von Jürgen Sievers, vergrößerte er das Angebot immer weiter. Nicht alles blieb auf Dauer im Angebot. KG-Rohre etwa, weil die Industriebetriebe nach und nach aus der Stadt verschwanden. Auch die Reitsportabteilung wurde vor ein paar Jahren aufgelöst. Helmut Julius starb 2006 im Alter von fast 90 Jahren.

Jürgen Sievers machte zunächst eine Banklehre und ging für eine Weile beruflich nach Hamburg, ehe er Anfang der 60er Jahre in die Firma von Mutter und Onkel einstieg. Ein Schwerpunkt des Geschäfts stellte unter seiner Ägide die Segelabteilung dar. Die Segler machen heute 30 Prozent der Kundschaft aus, schätzt er. Zu Beginn des Jahres, wenn die Segler ihre Boote fit für die Saison machen, liegt der Anteil sogar noch etwas höher. So fachsimpelte Sievers gestern mit Wolfgang Hauck, der Tauwerk für sein Folkeboot suchte. Hauck zählt zu den treuesten Stammkunden. Er erinnert sich: „Als ich 1983 nach Schleswig kam, sagte man mir: Geh zu Julius, da bekommst du alles!“

Zwei verbliebene Mitarbeiter werden den Geschäftsinhaber beim Ausverkauf unterstützen. Dieser beginnt am Mittwoch nächster Woche. Was mit der Ladenfläche passiert, wenn Carl Julius Ende Juni Geschichte sein wird, ist noch unklar.  

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