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Urteil : Mutter ließ Baby sterben – Bewährung

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Eine Frau brachte in ihrem Haus in Großenwiehe ein kleines Mädchen zur Welt. Sie ließ das Kind sterben und versteckte es ein in der Gefriertruhe. Das Flensburger Landgericht verurteilte die Frau nun zum einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung.

Eine dreifache Mutter ist gestern vor dem Landgericht Flensburg wegen Totschlags in einem minderschweren Fall zu einem Jahr und zehn Monaten Freiheitsstrafe verurteilt worden. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, die Frau bleibt damit auf freiem Fuß. Anklage und Verteidigung hatten auf zwei Jahre plädiert, das Urteil ist rechtskräftig.

Die Kammer sah es als erwiesen an, dass die heute 50-Jährige zwischen 2002 und 2004 in ihrem Haus in Großenwiehe ohne fremde Hilfe ein Mädchen zur Welt brachte und das Baby sterben ließ. Nach Erkenntnissen der Rechtsmedizin lebte das Kind nur maximal 30 Minuten. Es starb, weil es nicht versorgt wurde. So wurde Schleim in den Atemwegen festgestellt – eine Komplikation die nach Auskunft der Sachverständigen durch Drehen des Kindes oder leichtes Klopfen auf den Rücken relativ leicht hätten behoben werden können. Das aber war offenbar nicht geschehen. Nicht auszuschließen sei auch, dass das Kind unter einer leichten Decke oder einem Handtuch erstickt sei – darauf gebe es jedoch keine Hinweise, sagte Richter Michael Lembke in seiner Urteilsbegründung. „Das sind Spekulationen.“

Die Mutter soll das tote Mädchen nach der Geburt schließlich in ein Handtuch und einen Müllbeutel gewickelt und in einer Kühltruhe versteckt haben. Abschließend reinigte sie das Wohnzimmer, um alle Spuren zu verwischen. Ihr Ehemann und die drei Kinder schliefen zu dieser Zeit. Sie haben nach Überzeugung des Gerichts von den Vorfällen im Wohnzimmer nicht mitbekommen. Am nächsten Tag, so sagte sie in einer Vernehmung, habe sie wieder wie gewohnt funktioniert.

Entdeckt wurde die Kinderleiche erst 2012, die Mutter lebte zu diesem Zeitpunkt bereits schon drei Jahre nicht mehr bei der Familie in Großenwiehe. Der Vater wollte die Truhe im Abstellraum abtauen, fand dabei die tiefgefrorene Leiche seiner Tochter und rief die Polizei.

Die Mutter hatte sich auf Befragen der Kripo sehr schnell und umfassend zu der Verantwortung bekannt. Dass sie mit einer solch milden Strafe davonkam, verwunderte einige Beobachter dennoch. Ein Grund dafür war das psychologische Gutachten von Dr. Klaus Friemert. Er attestierte der Angeklagten eine Persönlichkeitsstörung mit typischen Borderline-Symptomen und einem „hyper-ökonomischen Umgang mit Emotionen“. Schon als Kind habe die Frau eine „soziale Schwäche“ mit Gehorsam und Leistung kompensiert. Sie habe über ein schwaches Selbstwertgefühl verfügt und sich angepasst, um Konflikten aus dem Weg zu gehen. Dieses Verhalten habe sich später in der Ehe fortgesetzt. Hinzu sei ein äußerst schwieriges Verhältnis zu ihren Mann und ihrer Schwiegermutter gekommen. „Ich habe mich gefühlt wie ein Fußabtreter“, hatte die Frau in einer Vernehmung gegenüber der Polizei gesagt.

Zur Zeit der Schwangerschaft habe sie sich in einer fatalen Situation aus Verzweiflung und Überforderung befunden. „Es war ein Hin und Her zwischen Realität und Inselerinnerungen“, erklärte Friemert. Ihr Motto: Ich kann nicht, ich will nicht – Worte, die sich wie ein roten Faden durch Vernehmungen und Befragungen zogen. Die Verdrängung ging so weit, dass die Mutter die Schwangerschaft ausblendete – bis zu einem „Point of no Return“. Bis das Kind plötzlich da war. Aber die Mechanismen funktionierten auch weiter. So verschwendete die Mutter bei ihrem Auszug aus dem Haus in Großenwiehe keinen Gedanken daran, die Babyleiche in der Truhe könne entdeckt werden.

Bei der Urteilsfindung legte das Gericht auf dieser Grundlage einen minderschweren Fall zu Grunde. Strafmildernd wirkten sich nach den Worten von Richter Michael Lembke zudem die psychische Ausnahmesituation kurz nach der Geburt aus, das frühe und umfassende Geständnis, der große zeitliche Abstand zur Tat und die Überzeugung des Gerichts, dass die Frau künftig straffrei durchs Leben geht.

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erstellt am 30.Jan.2014 | 19:30 Uhr

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