Prozess im Fall Gerwin L. : Mord oder Totschlag?

In diesem Haus lebte das Opfer Gerwin L. – hier wurde er auch getötet.
In diesem Haus lebte das Opfer Gerwin L. – hier wurde er auch getötet.

Andreas L. hat seinen Nachbarn getötet. Aber warum? Die Frage könnte entscheidend sein für das Strafmaß.

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20. Juni 2018, 08:33 Uhr

Was Andreas L. im vergangenen Oktober in seiner Wohnung im Norden der Stadt getan hat, das ist nach dem vierten Verhandlungstag vor dem Flensburger Landgericht weitgehend klar: Der 52-Jährige schlug seinen Nachbarn Gerwin L. (61) nieder, fesselte ihn, hielt ihn drei oder vier Tage gefangen, schlug ihm dann den Schädel ein und erwürgte ihn.

Nicht ganz so klar ist die Antwort auf die Frage nach dem Warum. Der Streit um eine Tasse Kaffee soll der Auslöser gewesen sein. Man ahnt, dass es zwischen den beiden Männern auch andere Konflikte gab.

Juristisch bedeutend ist jetzt vor allem die Frage, was Andreas L. letztlich dazu bewegte, seinen gefesselten und hilflosen Nachbarn zu töten. Hier geht es darum, ob die Tat als Mord (lebenslange Haft) zu werten ist oder als Totschlag (mindestens fünf Jahre Haft).

Für eine Verurteilung wegen Mordes müssen bestimmte Merkmale vorliegen. Eines davon ist der „niedere Beweggrund“. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn Andreas L. mit seiner Tat eine andere Straftat vertuschen wollte. Die Staatsanwaltschaft hat ihm das nicht vorgeworfen, sondern ihn lediglich wegen Totschlags angeklagt. Der Vorsitzende Richter Mathias Eggers hatte aber schon früh im Prozess darauf hingewiesen, dass das Gericht sich mit der Mordfrage auseinandersetzen wird.

Andreas L. schweigt. So ist das Gericht auf die Angaben der Polizeibeamten angewiesen, die ihn nach seiner Festnahme verhört hatten. Einer von ihnen hielt im Protokoll die Aussage fest: „Ich weiß nicht. Ich konnte ihn einfach nicht mehr gehen lassen. Am Mittwoch war mir klar, dass ich ihn töten muss.“ Aber warum war ihm das klar? Weil er wusste, dass Gerwin L. ihn sonst wegen Freiheitsberaubung angezeigt hätte? Die Antwort liegt nahe. Auch deshalb wohl hatten weder die Polizisten noch später der psychiatrischer Gutachter noch einmal nachgehakt, als sie auf diesen Punkt zu sprechen kamen.

Aber Andreas L. nannte im Verlauf seiner Vernehmung auch noch andere Gründe für seine Tat. „Ich hatte die Faxen dicke“, sagte er zum Beispiel und erzählte dann, dass ihm sein gefesselter Nachbar mit seinem Gerede auf die Nerven gegangen sei. Noch ein Zitat aus dem Polizei-Protokoll: „Ich habe ihm gesagt: Gerwin, weißt du eigentlich, in welcher Situation du dich befindest?“

Die Verhandlung wird am kommenden Montag fortgesetzt. Das Urteil ist für den 5. Juli terminiert.

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