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Lornsenschule Schleswig : Mölln-Opfer warnt vor rechter Gewalt

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Ein Überlebender des rechtsextremistischen Anschlags von 1992 spricht vor Schülern über das Erlebte.

Am 23. November jährt sich der Anschlag auf das Haus der Familie Arslan zum 25. Mal. Rechtsextreme hatten damals das Möllner Wohnhaus der türkischstämmigen Familie in Brand gesetzt. Weil seine Oma ihn in nasse Tücher gewickelt hatte, überlebte der damals siebenjährige Ibrahim in den Flammen. Seine Großmutter Bahide sowie seine zehnjährige Schwester Yeliz und seine 14-jährige Cousine Ayse starben in jener Nacht. Gestern sprach er mit dem zehnten Jahrgang der Lornsenschule über die Ereignisse von damals und warnte die Schüler vor Rassismus und Faschismus.

Bereits zum zweiten Mal war Ibrahim Arslan ins Schleswiger Gymnasium gekommen, um mit rund 200 Schülern, die sich in der Aula versammelt hatten, zu diskutieren. Die Fachschaft Wirtschaft/Politik hatte die Veranstaltung organisiert. „Wir wollen den Heranwachsenden vermitteln, was rechtsextremes Gedankengut anrichten kann“, sagte Politik-Lehrer Lukas Dikhans.

Der Vormittag begann für die Schüler mit der Vorführung des Films „Nach dem Brand“. Die Dokumentation zeigt, wie die überlebenden Angehörigen unter den Folgen des Anschlags litten – wie Ibrahim an einem posttraumatischen Husten erkrankte, wie seine Mutter ihre Sprache verlor und wie sein Vater von Depressionen geplagt wurde.

„Wir hatten uns zwar zuvor schon im Unterricht mit dem Thema beschäftigt“, erzählen die Zwillinge Linda und Larissa Damke (15), „erst durch den Film bekommt man jedoch mit, welche Folgen der Anschlag für die Familie hatte“, so die beiden Schülerinnen. Im Anschluss an die knapp einstündige Vorführung sprach Arslan mit den zwei Schüler-Moderatoren Finja Marten (15) und Theo Thomsen (15) über das Gesehene. Vor allem komme es ihm darauf an, so der 32-jährige, den Schülern die Perspektive der Opfer näher zu bringen.

Das gelte auch für andere Fälle. „Kennt ihr Enver Simsek? Halit Yozgat? Oder Theodoros Boulgarides?“, fragte er die Jugendlichen – doch die schüttelten den Kopf. Erst bei dem Namen „Beate Zschäpe“ nickten einige. „Und das ist das Problem in unserer Gesellschaft“, so Arslan. Genau wie bei diesem Beispiel, den Taten des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU), seien es meistens nur die Täter, deren Namen bekannt sind. Die Opfer hingegen kenne niemand. Mit seinen öffentlichen Auftritten wie gestern an der Lornsenschule versucht er daher, den Opfern eine Stimme zu geben. Gleichzeitig will er dazu auffordern, aktiv gegen Rassismus und Faschismus in der Gesellschaft vorzugehen.

Auch einige der Schüler berichteten im Gespräch mit Arslan über rassistische Erfahrungen. So erzählte einer der Jugendlichen, auf einer Feier aufgrund seiner Hautfarbe beschimpft worden zu seien. Ein anderer beschrieb, wie ihm einst auf der Straße gesagt worden sein, er solle zurück in das „Drecksland“ gehen, aus dem er gekommen sei. All diese Taten müssten an die Öffentlichkeit gelangen, so Arslan. Denn gerade dieser „Alltagsrassismus“ sei es, der das rechte Gedankengut in unserer Gesellschaft am Leben hält.

Arslan, der mittlerweile bei der Stadt Hamburg angestellt ist und demnächst seinen Dienst bei der Polizei antritt, will ein Treffen mit den Tätern von damals möglichst vermeiden. Denn dann würde er wohlmöglich selber zum Täter werden, sagte er. Möglich wäre es jedoch, denn die Täter sind inzwischen wieder auf freiem Fuß – für Arslan unverständlich. „Wenn Menschen aus Hass morden und ihre Taten im Gefängnis nicht bereuen, dann haben sie meiner Meinung nach keine Freiheit verdient.“

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