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Schleswiger Nachrichten

24. Oktober 2017 | 10:29 Uhr

Fahrdorf : Mittelalter-Wrack im Fischernetz

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Normalerweise hat Schleifischer Jörn Fischer Aal, Butt und Plötze im Netz, diesmal ein ungewöhnlich gut erhaltenes Wrackteil aus dem Mittelalter. Die Archäologen sind begeistert und wollen den Rest des Schiffes suchen.

von
erstellt am 19.Aug.2014 | 17:00 Uhr

Die Fischer vom Schleswiger Holm holen so manches aus der Schlei, was ganz sicher nicht in der Bratpfanne landet, und nur selten sind diese Fänge von nennenswertem Wert. Fahrräder, Flaschen, alte Bootsmotoren, Anker, Maschinengewehre, Säbel, hin und wieder auch historische Keramikscherben oder vermisste Tote finden sich in ihren Netzen. Ganz selten jedoch sind es auch Schätze, die ihre Netze auf dem Grund der Schlei zerreißen. So wie am 27. Juli, als sich das Netz von Fischer Jörn Ross vor Fahrdorf etwas verfing. Vor wenigen Tagen holte ein befreundeter Taucher das Hindernis aus dem Wasser: ein Stück vom Rumpf eines historischen Schiffes. Archäologen können den Fund zwar noch nicht genau datieren, messen ihm aber schon jetzt erhebliche Bedeutung bei.

Als Ross das Fundstück – eine Bodenwrange, also eine Querstrebe, auf der die Planken eines Schiffes befestigt werden – sah, war ihm sofort klar, dass ihm etwas besonderes ins Netz gegangen war. Schließlich war es nicht das erste Mal. Im Jahr 2000 zappelten in seinem Netz nicht nur Butt, Brassen und Aale. Er fand auch Reste eines mittelalterlichen Frachtenseglers – heute bekannt als Möweninselwrack. Seither pflegt er engen Kontakt mit den Fachleuten des Archäologischen Landesamtes. Sobald er einen verdächtigen Fund macht, informiert er die Experten, allen voran seinen Freund Jan Fischer. So auch in diesem Fall. Bis die Archäologen sich vor wenigen Tagen des Fundes annehmen konnten, versenkte Ross seinen Schatz wieder, denn Luft, weiß er, ist für das alte Holz pures Gift. Es würde nach wenigen Tagen irreparablen Schaden nehmen und nach einigen Wochen zerbröselt sein. So wurde das gute Stück zwar einer anderen Gefahr ausgesetzt, der gefräßigen Bohrmuschel, doch das schien allemal das geringere Risiko zu sein.

Und so gelang es schließlich, das Schiffsteil unversehrt in die Zentralwerkstatt des Archäologischen Landesamtes auf der Schlossinsel zu schaffen. Grabungstechniker Fischer ist begeistert: „Die Bodenwrange befindet sich in einem außergewöhnlich guten Erhaltungszustand. Man kann mit bloßem Auge sehen, dass das Holz mit einem Beil bearbeitet wurde.“ Ein erstes Indiz dafür, dass das Boot sowohl in der Wikingerzeit als auch in die Anfangsphase des Aufstiegs Schleswigs auf der Schlei unterwegs gewesen sein könnte.

Genaueren Aufschluss sollen weitere Untersuchungen des Fundstücks und gegebenenfalls weiterer Teile des Bootes geben. In rund vier Wochen sollen Taucher nach weiteren Teilen suchen. Sollten dann Reste von Planken gefunden werden, wird die Datierung einfacher, denn quer gespaltenes Holz lässt eine viel bessere Jahresring-Analyse zu, als die für die Anfertigung von Bodenwrangen im Mittelalter bevorzugt verwendeten Asthölzer. Sollten die Tauchgänge vielversprechend sein, wäre eine eingehende Sonar-Untersuchung im Herbst der nächste Schritt, um dann gegebenenfalls über eine kosten- und zeitaufwändige Bergung weiterer Schiffsreste aus der Schlei zu entscheiden.

Auch ohne weitere Datierung und weitere Holzfunde lässt sich sagen: Die Länge der gefundenen Wrange von rund zwei Metern lässt darauf schließen, dass das eigentliche Schiff über 15 Meter lang war und damit in etwa die Größenordnung des im Jahr 2000 vor Karschau gefundenen Wracks erreicht haben könnte. Seinerzeit fanden die Archäologen die Reste eines ursprünglich etwa 25 Meter langen, wie der aktuelle Fund in Klinkertechnik beplankten mittelalterlichen Frachtseglers, der auf das Jahr 1138 datiert werden konnte.

Aber warum gehen den Fischern immer wieder Schiffsreste ins Netz, wo sie selbst und auch schon ihre Vorfahren Jahr und Tag ohne Zwischenfälle gefischt haben? Im aktuellen Fall macht Jörn Ross dafür die Stürme des vergangenen Jahres verantwortlich. Die daraus resultierenden Strömungen hätten zu Sedimentverschiebungen geführt, die auch mit anderen Witterungseinflüssen einhergehen und den Schleiboden permanent verändern. So werden Jahrhunderte lang im Boden lagernde Zivilisationsreste freigespült oder verlagert, bis sie irgendwann an den Netzen der Fischer zerren. „Wir machen eben alles sauber, was andere in die Schlei schmeißen. Das Flicken der Netze ist dann unsere Wochenendarbeit.“ Kein echtes Vergnügen für Jörn Ross. Das versteht auch Grabungstechniker und Freund Jan Fischer, gleichwohl hat er eine etwas andere Sicht der Dinge: „Das Pech der Fischer ist Glück für uns.“


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