Wegen Corona-Krise : Mitarbeiter der Schleswiger Werkstätten in Not

Machen sich Sorgen um die Gehälter der Mitarbeiter: Jim Morris (l.), Vorsitzender des Werkstattrates, und Geschäftsführer Jan-Henrik Schmidt in der fast leeren Medienwerkstatt in der Heinrich-Hertz-Straße.
Machen sich Sorgen um die Gehälter der Mitarbeiter: Jim Morris (l.), Vorsitzender des Werkstattrates, und Geschäftsführer Jan-Henrik Schmidt in der fast leeren Medienwerkstatt in der Heinrich-Hertz-Straße.

Der Gewinneinbruch der Einrichtung könnte zu einem finanziellen Problem für die 878 Beschäftigten werden.

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05. Juni 2020, 19:19 Uhr

Schleswig | Langsam, aber nur ganz langsam fahren auch die Schleswiger Werkstätten ihren Betrieb wieder hoch. Etwa 25 Prozent der Beschäftigten haben die Arbeit nach dem wochenlangen Corona-Shutdown wieder aufgenommen. In der kommenden Woche erhöht sich die Zahl weiter. „Aber bis wir wieder bei 100 Prozent sind, das wird noch dauern. Ich rechne in diesem Jahr nicht mehr damit“, sagt Werkstätten-Geschäftsführer Jan-Henrik Schmidt. Und genau das werde immer mehr zu einem „großen Problem“.

878 Beschäftigten betroffen

Denn es ist nicht gewährleistet, dass die 878 Beschäftigten auch in den kommenden Monaten noch ihr volles Gehalt bekommen. Das nämlich ist, wie in allen Werkstätten, an die Gewinne der Einrichtung gekoppelt. Mindestens 70 Prozent davon müssen an die behinderten Mitarbeiter ausgezahlt werden. Sollte das nicht möglich sein, müssen die Rücklagen angezapft werden.

Genau das ist jetzt seit Mitte März der Fall bei den Schleswiger Werkstätten. „Seitdem haben wir so gut wie kein Geld mehr erwirtschaftet und leben nur noch von der Reserve – und so langsam wird es eng“, sagt Schmidt. Wenn es so weitergehe, müsse man „wohl oder übel die Löhne kürzen“. In fünf ähnlichen Einrichtungen in Schleswig-Holstein sei das bereits jetzt der Fall, bundesweit seien es deutlich mehr.

Nur Sachsen hat das Problem bislang erkannt

Gemeinsam mit Jim Morris, Vorsitzender des Gesamt-Werkstattrates, hofft Schmidt deshalb auf Hilfe von der Politik. „Allen Branchen und Betroffenen wird durch verschiedenste Maßnahmen geholfen. Aber den Schwächsten nicht“, sagt Schmidt, der Bund und Länder deshalb mit Blick auf deutschlandweit rund 350.000 Betroffene in der Pflicht sieht. Allein in Sachsen habe man das Problem bislang erkannt. Dort hat das Land angekündigt, wegfallende Gehälter auszugleichen.

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„Da geht es gar nicht um große Beträge. Aber genau dieses Geld ist sehr wichtig für die Betroffenen“, sagt Jim Morris. Das Durchschnittsgehalt eines Werkstätten-Mitarbeiters liege bei unter 300 Euro. In der Spitze sind es 400 Euro. „Da muss man noch die Abzüge abrechnen, der Rest ist eine Art Taschengeld“, erklärt er. Natürlich bekämen die Betroffenen unter anderem Wohn- und Essensgeld. Jedes Extra aber müsse selbst gezahlt werden. „Es ist sowieso schon alles knapp. Die Leute sind also sehr besorgt“, so Morris. Auch Jan-Henrik Schmidt hat eine „große Unsicherheit“ unter den Beschäftigten ausgemacht.

Viele Beschäftigte gehören zur Risikogruppe

Da ein großer Teil von ihnen zur sogenannten Risikogruppe gehört, sei ein Öffnen der Betriebsstätten eine besonders große Herausforderung, betont Schmidt. Viele der Beschäftigten wohnten zudem in Gruppeneinrichtungen. Sie alle bei der Arbeit untereinander zu mischen, sei nicht möglich. „Wir müssen auf jeden Fall einen Corona-Ausbruch verhindern. Der Schutz der Menschen steht über allem“, betont der Geschäftsführer, „aber genau das trifft uns auch ins Mark. Denn wir möchten unsere Beschäftigten nicht einschließen, schließlich stehen wir als Werkstätten für ein Miteinander, für Offenheit. Das ist eine ganz schwierige Zeit für uns.“

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Auch, weil viele Betreuer seit Wochen nicht in den Werkstätten arbeiten können, sondern in den Wohneinrichtungen gebraucht werden. Deshalb fehlen sie in der Produktion, wo aber auch die wenigen tätigen Beschäftigten unterstützt werden müssen. „Wir bräuchten also eigentlich die doppelte Anzahl von Betreuern“, sagt Schmidt und spricht von einem „logistischen Balanceakt“.

Ein weiteres Problem: Die Werkstätten, die auch als Zulieferer für viele Firmen fungieren, beklagen seit Monaten starke Rückgänge bei den Aufträgen. Auch der Sommer verspricht bislang keine Besserung. „Das letzte Jahr war ein richtig gutes für uns. Dieses wird eine Katastrophe“, fasst Schmidt zusammen.

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