Schleswig : „Mit weniger Personal auskommen“

Baustelle Krankenhaus: John Friedrich Näthke (38) setzt auf das neue Klinikgebäude, das im nächsten Jahr bezugsfertig sein soll. Der gebürtige Itzehoer ist promovierter Betriebswirt und arbeitete, bevor er zu Helios kam, beim Schweizer Gesundheitskonzern Ameos an verschiedenen Standorten. Der passionierte Segler lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern (vier und drei Jahre) in Kiel.
Baustelle Krankenhaus: John Friedrich Näthke (38) setzt auf das neue Klinikgebäude, das im nächsten Jahr bezugsfertig sein soll. Der gebürtige Itzehoer ist promovierter Betriebswirt und arbeitete, bevor er zu Helios kam, beim Schweizer Gesundheitskonzern Ameos an verschiedenen Standorten. Der passionierte Segler lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern (vier und drei Jahre) in Kiel.

Interview: Der neue Helios-Geschäftsführer John Friedrich Näthke über den schlechten Ruf des Krankenhauses und das veränderte Berufsbild in der Pflege.

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17. Juli 2015, 07:21 Uhr

Patientenbeschwerden über dreckige Zimmer und eine unzureichende Pflege hatten dem Schleswiger Helios-Klinikum Anfang des Jahres negative Schlagzeilen beschert. Der neue Geschäftsführer Dr. John Friedrich Näthke, seit vergangener Woche im Amt, sieht die meisten Missstände beseitigt. Mit dem Chef von rund 1800 Beschäftigten (inklusive Fachklinik) sprach unser Redaktionsmitglied Alf Clasen.

Herr Dr. Näthke, nach nur etwas mehr als einem halben Jahr an der Spitze der Helios-Klinik in Cuxhaven sind Sie nach Schleswig gewechselt. Sind Sie eine Art Feuerwehrmann in Ihrem Konzern?

Nein, nein. Der Einsatz in Cuxhaven hat mir sehr viel Spaß gemacht und war eigentlich für längere Zeit gedacht. Aber sowohl das Fachliche in Schleswig als auch die persönliche Situation mit meiner Familie, die in Kiel lebt, passte so gut, dass ich irgendwann nicht mehr nein sagen konnte zum Angebot, die Geschäftsführung in Schleswig zu übernehmen. Ich schätze die Kombination von Somatik und Psychiatrie. Die Häuser in Schleswig sind für mich eine tolle Herausforderung. Ich merke schon nach wenigen Tagen, dass ich hier richtig viel Spaß haben werde.

Wissen Sie, worauf Sie sich eingelassen haben? Um den Ruf des Schleswiger Krankenhauses ist es nicht gut bestellt  ...

Dessen bin ich mir bewusst. Und ich finde gut, wie das Unternehmen damit umgegangen ist. Man hat ganz klar gesagt: Wir haben Defizite. Dort, wo wir schnellen Einfluss darauf hatten – nämlich über unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter –, haben wir mit ihnen gesprochen und gemeinsam Lösungen gefunden. Vor allem aber haben wir eine langfristige Strategie: Wir haben ein fast fertiges neues Krankenhaus stehen. Ich kann hier einen Weg beschreiten, den ich nicht erst ganz neu suchen muss. Was nicht heißt, dass immer wieder Lösungen gefunden werden müssen. Ein Krankenhaus ist ein hochkomplexes System. Wir gucken nicht nur auf die Somatik, sondern auch auf die Psychiatrie, die Fachpflege und die Forensik.

Die jüngste Studie der „Weissen Liste“ hatte die Schleswiger Klinik als diejenige mit der geringsten Patientenzufriedenheit in ganz Norddeutschland ausgewiesen. Sind die Patienten inzwischen wieder zufriedener?

Sie sind es deswegen, weil wir ein positiveres Feedback als zu Beginn des Jahres bekommen. Auch wenn man deutlich sagen muss: Es ist immer noch nicht gut genug. Das Entscheidende aber ist: Unsere Patienten-Anzahl ist nicht zurückgegangen. Ganz im Gegenteil, sie ist gestiegen. Und wir können nachweisen, dass die Behandlung dieser Patienten qualitativ hochwertig abläuft. Wir verbessern kontinuierlich unsere Qualitätskennzahlen. Ich glaube, dass das die Patienten überzeugt.

Was ist denn besser geworden?

Wir haben uns zum Beispiel Reinigungsrhythmen angeguckt. Oder wir haben geguckt, wie die Aufnahme der Patienten gestaltet ist und wie lang die Wartezeiten sind. Die Speisen-Versorgung haben wir uns ebenfalls angeschaut. Und da haben wir überall klare Verbesserungen erzielt.

Ist die Klinik wirklich sauberer geworden?

Wir haben Reinigungsmängel an der einen oder anderen Stelle festgestellt. Die wurden abgestellt. Einige Punkte sind dem Umstand geschuldet, dass wir einen alten Bau haben. Im neuen Klinikum werden sich allein aus der Baustruktur heraus Verbesserungen ergeben. Man muss aber immer zwischen Hygienemängeln und Reinigungsmängeln unterscheiden. Hygienemängel gibt es bei uns auch jetzt nicht.

Dennoch ist aus der Belegschaft zu hören, dass die Stimmung schlecht ist im Krankenhaus. Viele Pflegekräfte kündigen. Wie wollen Sie da gegensteuern?

Wir haben eine gewisse Verunsicherung in der Belegschaft. Dass die Klinik einen schlechten Ruf hat, schlägt sich bei den eigenen Leuten nieder. Eine meiner Aufgaben ist es, meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Gefühl zu geben, dass sie in einem Krankenhaus tätig sind, das richtig gute Arbeit leistet – und das in Räumlichkeiten, die nicht optimal sind. Darauf können sie stolz sein.

Pfleger und Schwestern beschweren sich über die Arbeitsverdichtung. Sind sie überlastet?

In den vergangenen Jahren hat sich das Berufsbild der Pflege verändert. Die Pflege ist viel medizinischer geworden. Und sie ist weniger betreuend geworden, weil angesichts knapper Ressourcen ganz einfach die Zeit nicht mehr da ist. Das empfinden viele als einen Verlust – sowohl die Patienten, als auch die Pfleger selbst. Uns muss gelingen, unsere Mitarbeiter in ihrem Rollenverständnis zu verändern. Es gehört zum Beispiel nicht mehr zur Aufgabe einer Pflegekraft, die heute höher qualifiziert ist als vor 25 Jahren, das Essen auszugeben.

Wenn aber nachts nur noch eine examinierte Kraft auf der Station ist – muss man sich da nicht um die Versorgung der Patienten sorgen?

Die Versorgung ist sichergestellt. Wenn nur eine examinierte Schwester oder ein examinierter Pfleger auf der Station ist, ist das völlig ausreichend. Diese Kraft ist ja nicht alleine da. Sie hat im Hause Helfer zur Unterstützung. Und das sind keine ungelernten Kräfte, sie haben nur nicht immer das Krankenpflege-Examen.

Der Helios-Konzern hat ein Rendite-Ziel von 15 Prozent ausgegeben. Müssen Sie dafür Personal abbauen?

Aus dem Umzug ins neue Gebäude versprechen wir uns Effizienzgewinne. Dafür ist es notwendig, dass wir uns unsere Prozesse anschauen: Wie viele examinierten Kräfte brauchen wir noch? Hinzu kommt, dass wir aufgrund des Fachkräftemangels gar nicht mehr in dem Maße die gut qualifizierten Schwestern und Pfleger bekommen, die wir vielleicht brauchen. Wir müssen uns in den neuen Räumlichkeiten so aufstellen, dass wir auch mit weniger Personal zurechtkommen. Was die Rendite angeht: Wir müssen Gewinne machen, denn wir müssen investieren. Das beste Beispiel ist unser neues Krankenhaus, das nur zum Teil vom Land finanziert ist. Wir steuern 30 Millionen Euro bei. Die müssen verdient werden. Wir haben den Vorteil, dass wir im Konzern diese Gelder zur Verfügung gestellt bekommen.

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