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Kuriose Herdenhüter in Twedt : Mit Lamas gegen Wölfe: Die Schaf-Schützer aus den Anden

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Heide Hoesch ist sich sicher: Lamas eignen sich besonders gut, um Herden vor den Angriffen von Wildtieren zu schützen – auch vor Wölfen.

Twedt | Insbesondere unter dem Gesichtspunkt zunehmender Sichtungen von Wölfen ist das Thema „Hütetiere“ für Schafherden im Gespräch. Traditionell denkt man dabei an Hunde. Auch Esel werden vom Wolfsinfozentrum Eekholt als aufmerksame Wächter genannt. Heidi Hoesch, eine Hobbytierhalterin aus Buschau, einem Ortsteil von Twedt, hat eine ganz andere Idee: Sie empfiehlt Lamas als ideale Hüter. Sie selbst hält auf einem 2,5 Hektar großen Gelände zwei dieser Tiere. Sie hüten eine Patchwork-Herde aus fünf Nandus, fünf Eseln, drei Ponys, zwei Schweinen, drei Hunden sowie einer nicht genau gezählten Schar von Hühnern und Laufenten – und das zur vollsten Zufriedenheit ihrer Besitzerin. „Lamas sind die idealen Herdenhüter: Sie sind aufmerksam, neugierig und haben ihre Augen hoch über dem Boden“, sagt Hoesch über ihre südamerikanischen Haustiere. Sie sähen eigentlich alles, gingen dann auf die Ereignisse zu und griffen ein – falls notwendig.

In Nordamerika sind Lamas etwa seit einem Vierteljahrhundert als Wachtiere für Schafe bekannt. Bis zu 2100 Schafe werden nach ihrer Aussage dort von einem Lama bewacht. Ihre Entdeckung beruht auf einem Zufall. Lamas waren in den USA eine Zeit lang Modehaustiere. Dann ließ man die ausgewachsenen Tiere mit Schafen weiden und stellte fest, dass sich der Verlust von Schafen und Lämmern durch Raubtiere von zehn auf nur noch ein Prozent verringert habe. Die Tiere stoßen Alarmrufe aus, laufen auf das Raubtier zu und schlagen mit den Vorderbeinen. Es werde sogar von Fällen berichtet, in denen Kojoten, Bisamratten und Murmeltiere von Lamas getötet wurden. Bei größeren Raubtieren – wie zum Beispiel Bären oder Pumas – versammelte der Hüter die Schafherde und stelle sich zwischen Herde und Eindringling.

Erfahrungen aus der Schweiz, wo seit einigen Jahren vereinzelt Lamas zum Schutz von Schafherden vor Wölfen eingesetzt werden, stützen Hoeschs Theorie. Im Weisstannental bei Sankt Gallen beispielsweise entschieden sich Schafzüchter für die südamerikanischen Tiere und gegen Hütehunde – nicht nur, weil die imposanten Tiere allein durch ihre Präsenz möglichen Angreifern Respekt einflößen, sondern auch weil dort viele Touristen mit Hunden unterwegs sind und zwischen diesen und den Lamas keine Konflikte zu befürchten sind.

„Meine Lamas Paco und Columbus betrachten unsere Herde als Familie“, betont Hoesch. Falls sich irgend ein Kleinräuber wie Fuchs oder Marder nähere, schauten sie aufmerksam hin und liefen draufzu. Diese Aufmerksamkeit sei den schleichenden Räubern lästig und sie würden sich schnell wieder verziehen. Dadurch sei ihr in den letzten Jahren kein Huhn und keine Ente mehr verloren gegangen. „Gegen ein Rudel Wölfe hätte natürlich ein Lama ebenso wenig wie ein Esel eine Chance“, vermutet Hoesch. Aber einen einzelnen Wolf könnte es sehr wohl von seinem Raubzug abhalten.

Lamas hätten speziell in Angeln einen weiteren Vorteil gegenüber Hund oder Esel. Bei Eseln führe das eiweißreiche Angelner Gras oft zu Hufrehe (Hufentzündung). Außerdem mögen die Langohren im Gegensatz zu Lamas keinen Regen und Schnee. Sie könnten in der Schafsherde mitlaufen, gleichartig gepflegt und geschoren werden. Sie könnten das gleiche Futter fressen und wiederkäuen.

Eine weitere mögliche Funktion der Lamas: die Diebstahlsicherung. In jüngster Zeit häufen sich Fälle, in denen Lämmer zum Teil im großen Stil gestohlen werden. „Hütelamas sind besonders an Lämmern interessiert und daran, was mit ihnen passiert“, verrät Hoesch. Deshalb hätte es ein Dieb in der Nacht bei einer von einem Lama gehüteten Herde sehr bald mit einem nervösen Zweimeter-Riesen zu tun. Der würde zwar keinen Menschen angreifen. Aber er könnte im Extremfall seine Geheimwaffe einsetzen: das Spucken halb verdauter Essensbestandteile. „Und diesen Gestank mögen weder Mensch noch Tier“, meint Hoesch verschmitzt. Sie selbst lässt nachts ihr gesamtes Gelände von Lamas durchstreifen. Einbrecher hätten da keine Chance. Und manchmal nutzt sie den Zweimeter-Koloss „Columbus“ sogar als Bodyguard. „Wenn Du mit einem Lama im Wald spazieren gehst, wirst Du garantiert nicht belästigt“, verspricht sie. 

Lamas sind eine Kamelart und stammen aus  den südamerikanischen Anden. Dort dienen sie seit jeher als Lasttiere, vor allem in unzugänglichen Regionen. Insgesamt werden in Südamerika heute etwa drei Millionen Lamas gehalten, vorwiegend wegen ihres Fleisches und ihrer Wolle. Doch auch außerhalb Südamerikas werden Lamas inzwischen gezüchtet, in Europa  wird die Wolle geschoren und verarbeitet.

Lamas sind gewohnt, in Herden zu leben, sie sind klassische Fluchttiere. Dies ist bei den Lamas jedoch nicht so stark ausgeprägt wie etwa bei Pferden. Lamas spucken im Regelfall auf ihre Artgenossen, um ihre Dominanz in der Herde zu zeigen oder sie auf Distanz zu halten, und nicht auf den Menschen. Geschieht dies doch, weist das oft auf eine Fehlprägung hin, auch bei extremer Belästigung  kann ein Lama spucken. Dabei beweisen sie eine erstaunliche Treffsicherheit. Meistens wird halb verdauter Mageninhalt gespien. Die halbflüssige, grünliche Masse ist übelriechend, aber harmlos.
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