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Mittelangeln : Mit Flüchtlingen tanzen und lachen

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die Bürgerinitiative „Willkommen in Tarp“ organisierte einen Benefiz-Abend für und mit Flüchtlingen im Land-Art in Torsballig. Die Bluesveranstaltung war ein voller Erfolg.

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erstellt am 07.Sep.2015 | 07:45 Uhr

Drei Jahre ist Rayan auf der Flucht allein zu Fuß von Syrien nach Deutschland. Er erlebt unvorstellbares Leid – Hunger, Schmerzen, Todesangst. „Mir fehlen die Worte, es zu beschreiben“, sagt der 28-Jährige langsam auf Deutsch. Seit zweieinhalb Jahren lebt er in Tarp. „Das erste Jahr habe ich mich nur verkrochen“, erinnert sich Rayan. Heute arbeitet er halbtags in einem landwirtschaftlichen Betrieb und geht mehrere Stunden täglich zur Schule.

Ohne den außergewöhnlichen ehrenamtlichen Einsatz von mittlerweile 60 Tarper Bürgern wäre diese positive Entwicklung nicht möglich gewesen. Sie alle engagieren sich für die Bürgerinitiative „Willkommen in Tarp“, die Ende vergangenen Jahres von Martje Ketels, Sina Dellmann und José van Gils-Most gegründet wurde und am Freitagabend mit einem besonderen Kultur-Event gezeigt hat, wie eine Willkommenskultur gelebt werden kann, die Flüchtlingen eine Integration in Würde und mit viel Herzlichkeit ermöglicht. Honorarfrei trat die Band „Brothers in Blues“ im Land-Art in Torsballig auf, der Erlös des Kartenverkaufs des ausverkauften Konzertes kam der Tarper Bürgerinitiative zu Gute.

„Doch das ist heute nicht das Wichtigste“, betonte José van Gils-Most in ihrer Begrüßung. Sie sprach diese auch auf Englisch, denn unter den Zuschauern waren auch 20 Flüchtlinge, die kostenlos per Bus von Tarp zur Land-Art gefahren wurden. Einige von ihnen sind erst vor wenigen Wochen angekommen und verstehen noch kein Deutsch. „Das Wichtigste ist, dass wir gemeinsam einen unbeschwerten Abend erleben und den Flüchtlingen zeigen, dass wir sie gerne in unserer Dorfgemeinschaft aufnehmen“, sagte José van Gils-Most.

Die Bedeutung dieses Abends zeigte auch ein Plakat, das Band-Leader Hajo Ebertz eigens für diesen Abend gestaltet und in der Land-Art aufgehängt hatte. Es zeigt die Silhouette von zwei Flüchtlingen, die einen Stacheldrahtzaun überwunden haben. „Viele von euch haben Ähnliches durchmachen müssen wie der kleine Junge, der vor ein paar Tagen auf der Flucht tot an einen Strand in der Türkei gespült wurde. Doch jetzt seid ihr sicher. Ich bin so froh dass ihr alle hier seid“, mit diesen Sätzen und ebenfalls auf Englisch begrüßte Hausherr Ebertz die besonderen Gäste.

Der Wunsch der Organisatoren erfüllte sich. Nachdem die sechs Bandmitglieder mit schwarzen Hüten und Sonnenbrillen aus der Küche auf die Bühne gestürmt warn, tanzten die ersten Flüchtlinge schon beim ersten Song vor der Bühne. Beim zweiten Stück – „Everybody needs Somebody“ – konnten auch viele Einheimische nicht mehr still sitzen. Bis der Bus die Flüchtlinge um 23 Uhr zurück nach Tarp brachte, wurde gemeinsam gefeiert, getanzt, geredet und gelacht. „Ganz toll, dass für uns ein so schöner Abend organisiert wurde, vielen Dank“, sagt Rayan. Obwohl seine Eltern noch in Afrika sind und seine Freundin derzeit in Israel lebt, möchte er in Deutschland bleiben, am liebsten in Tarp. „Das ist gut hier für mich“, sagte der Syrer.

Gut hundert Flüchtlinge werden dieses Jahr in Tarp erwartet, 70 von ihnen sind bereits da, die meisten aus Afrika, aber auch aus Afghanistan, dem Iran und dem Irak. Die Unterstützung, die sie brauchen, ist vielfältig: Kleidung, Möbel, Begleitung zu Ärzten, Behörden oder zum Einkaufen, Sprachunterricht und vor allem eine große Portion Herzlichkeit. Da die Bürgerinitiative, die seit Anfang des Jahres an jedem zweiten Mittwoch im Monat von 15.30 bis 19 Uhr alle Interessierten zu einem Willkommens-Nachmittag mit den Flüchtlingen ins Bürgerhaus einlädt, mittlerweile 60 Helfer hat, können diese Aufgaben auf viele Schultern verteilt werden. „So wird es niemandem zu viel. So ist diese Engagement ein Gewinn für beide Seiten, denn wir bekommen mehr als Dankbarkeit zurück. Einige Flüchtlinge fragen mich zum Beispiel, ob sie auch etwas für mich tun können“, sagt José van Gils-Most. Sie hofft, dass der Abend in Torsballig andere motiviert, ähnliche Aktionen für und vor allem mit Flüchtlingen auf die Beine zu stellen.

In der Tarper Bürgerinitiative ist jeder Unterstützer herzlich willkommen. „Ich denke, wir stehen erst am Anfang, in den kommenden Jahren werden noch viel mehr Menschen nach unmenschlichen Fluchten zu uns kommen, denen wir zeigen sollten, dass sie bei uns willkommen sind.“

 



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