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Arbeitsvermittlung : Mit Einzeltraining in den Job

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Kreis Schleswig-Flensburg setzt bei der Arbeitsvermittlung auf individuelle Betreuung . Bianca Clausen, Dana Neustadt und Yvonne Broja haben auf diesem Wege einen Job gefunden.

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erstellt am 18.Nov.2014 | 12:00 Uhr

Bianca Clausen strahlt. Nach ihrem Hauptschulabschluss hatte die heute 25-Jährige sich zunächst nicht um ihre berufliche Weiterbildung gekümmert, lebte lange von Hartz IV und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch – zuletzt als Aufsicht in einer Spielhalle. Ohne ausreichendes Einkommen und ohne Perspektive. Dann wurde ihr durch das Jobcenter Schleswig-Flensburg ein persönlich auf sie zugeschnittenes Einzelcoaching vermittelt – und jetzt konnte sie eine Lehre als Orthopädie-Schuhmacherin aufnehmen.

„Die Zeiten, in denen wir unsere Kunden wahllos mit PC-Kursen, Bewerbungstraining oder gar Stilberatung beschäftigt haben, sind vorbei“, erklärte Henning Carstensen, Leiter des Fachdienstes berufliche Eingliederung.

Der Kreis Schleswig-Flensburg hat die Option wahrgenommen, die Leistungsbezieher nach SGB II (Hartz IV) selbst zu betreuen. Zu den Aufgaben gehört unter anderem die Vermittlung in sozialversicherungspflichtige Arbeit. Ein Modell, das zurzeit umstritten ist, denn die Ergebnisse der Arbeitsvermittlung lagen weit unter den Erwartungen. Eine Neustrukturierung soll Abhilfe schaffen, Landrat Wolfgang Buschmann bittet um Zeit, bis das neue Konzept greift. Jetzt aber hat die Bundesagentur für Arbeit das Angebot unterbreitet, die Aufgabe vom Kreis zu übernehmen. Die Kreispolitik ist interessiert, der Druck auf den Kreis, jetzt schnell Ergebnisse vorzuweisen, steigt.

Vor diesem Hintergrund setzt der Kreis seit einigen Monaten auf Einzelbetreuung. Bei diesem so genannten Coaching werden gemeinsam mit dem „Kunden“ dessen Stärken und Schwächen ausgelotet. Probleme unter vier Augen besprochen und Hilfestellungen angeboten. Bei Bianca Clausen hat das funktioniert. Bei einem Berufswahltest am Computer kam heraus, dass ihr handwerkliche Tätigkeiten liegen, auf die Idee, sich für eine Lehre als Orthopädie-Schuhmacherin zu bewerben, wäre sie allerdings selbst nie gekommen. Ihr Coach nahm Kontakt mit dem Ausbildungsbetrieb Schuh-Schlüter auf. Inhaber Horst Clausen (nicht verwandt oder verschwägert) war zunächst skeptisch. „Wenn mich jemand anruft und jemanden empfiehlt, frage ich mich erst einmal, warum derjenige nicht selbst zum Hörer greift oder vorbeikommt. Aber meine Frau hat mit zugeredet, weil wir Unterstützung brauchen.“

Es wurde zu einem Glücksfall für beide Seiten. Nach einem Praktikum war Horst Clausen überzeugt und bot Nicole Clausen einen Ausbildungsvertrag an: „Ich habe gemerkt, dass sie Talent hat und will“, sagte der Chef. Die neue Auszubildende will ihre Chance nutzen und ist froh über die Hilfestellung: „Gut, dass mir jemand den Weg vorgegeben hat.“

Es gibt Voraussetzungen, um in das Coaching-Programm aufgenommen zu werden. „Es geht vor allem um den Willen und die Fähigkeit, auch selbst aktiv zu werden“, sagt Carstensen. Die Teilnehmer würden an die Hand genommen und angestoßen, um bald selbst gehen zu können.

Die Betreuung der Kunden übernimmt der Kreis nicht selbst, sondern beauftragt damit externe Anbieter. Dabei geht es nicht nur um die Vermittlung in Arbeit, sondern auch um die Stärkung persönlicher Fähigkeiten und des Selbstbewusstseins.

Das war offenbar auch für Yvonne Broja der entscheidende Punkt. „Anderthalb Jahre habe ich Bewerbungen geschrieben“, beschreibt die gelernte Arzthelferin, „es sind nur Absagen gekommen. Oder gar keine Antworten.“ Aus Angst vor weiteren Rückschlägen war sie kurz davor, aufzugeben. „Ich habe kein Land mehr gesehen, war am Boden“, beschreibt sie die Situation. Das änderte sich in der Einzelbetreuung. „Unter vier Augen fällt es leichter, so etwas zu besprechen als in einer größeren Gruppe.“ Die Bewerbungen wurden anderes verfasst, die Angst vor Absagen schwand, die Selbstsicherheit stieg. Und dann stellte sich der Erfolg ein. Yvonne Broja arbeitet heute als Pflegeassistentin in Teilzeit, kann Beruf und Familie mit einander vereinbaren und muss keine Hilfeleistungen mehr in Anspruch nehmen,

Ähnlich erging es der gelernten Köchin Dana Neustadt, die als Bürokraft bei dem Unternehmen Beschäftigung fand, das mit dem Coaching beauftragt war.

Der Kreis Schleswig-Flensburg hat diese drei Beispiele präsentiert, um zu dokumentieren, dass er es kann. „Es geht voran bei der Vermittlung von Arbeitslosen und Arbeitssuchenden zurück in den Beruf“, hieß es in der Einladung zu dieser Präsentation. „Wir sehen hier unsere Verantwortung als Optionskommune und haben uns dementsprechend personell verstärkt sowie Netzwerke gebildet.“

Henning Carstensen bezeichnet das individuelle Coaching als Erfolgsmodell, das so vielen Kunden wie möglich angeboten werden soll, die die Voraussetzungen erfüllen. „Wir wollen in unserem Rahmen das Bestmögliche erreichen“, sagt er. Der Rahmen allerdings wird durch Personal und Finanzen eingeschränkt.

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