Helios-Klinikum Schleswig : Mit der Kino-Brille in den OP-Saal

Narkose-Arzt Dr. Günter Riese (rechts) stellt seiner Patientin vor der OP die audiovisuelle Brille nach Seh- und Hörstärke ein – mit einer Komödie geht nun die Wartezeit vor der Operation ein wenig entspannter vorbei.
Narkose-Arzt Dr. Günter Riese (rechts) stellt seiner Patientin vor der OP die audiovisuelle Brille nach Seh- und Hörstärke ein – mit einer Komödie geht nun die Wartezeit vor der Operation ein wenig entspannter vorbei.

Neue Methode zum Stress-Abbau vor der Narkose: Mit audiovisuellem Gerät können sich Patienten durch Filme ablenken lassen.

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05. Januar 2017, 06:55 Uhr

Vor einem OP-Termin fühlt sich wohl jeder Patient ein wenig unbehaglich. Nicht zuletzt wegen der bevorstehenden Narkose. Dabei macht häufig die Vorstellung Angst, für einige Zeit komplett „ausgeschaltet“ zu sein, nichts mehr mitzukriegen von der Welt rings um einen herum.

Deshalb tut in dieser Phase Ablenkung gut. Die Anästhesie-Abteilung im Helios-Klinikum Schleswig hat dafür jetzt eine sogenannte audiovisuelle Brille mit Kopfhörer für Patienten angeschafft, mit denen sie Filme oder Konzerte sehen und hören können. Das sorgt gerade dann, wenn sich die Aufregung kurz vor dem OP-Termin noch verstärkt, für Entspannung. „Kino“ vor einer OP oder während einer Teilnarkose im Schleswiger Krankenhaus – Oberarzt Dr. Günter Riese zeigt sich begeistert: „Es ist toll“, sagt er, „wir haben beste Erfahrungen bei unseren Patienten damit gemacht.“ Er berichtet dabei von einer Patientin, die er als Anästhesist kürzlich während einer Bauchoperation betreute und die vor ihrer Vollnarkose ein klassisches Konzert über die Audiovisuelle Brille verfolgt hatte. „Im Aufwachraum fragte sie mich dann, ob sie das Klavierkonzert zu Ende hören dürfe, es sei so schön gewesen“, erzählt Riese, der seit zehn Jahren in der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin tätig ist.

Die Filme sind in unterschiedlichen Kategorien abrufbar – ähnlich wie im Flugzeug, wo sie ebenfalls dem Zweck dienen, Flugangst im Zaum zu halten. Kinder lassen sich vor einer OP besonders leicht durch das Entertainment ablenken, sagt Riese. Ob Zeichentrickfilme mit Wickie oder Nils Holgersson, ob Filme über die unverwüstliche Pippi Langstrumpf – kleine Patienten sind nach seiner Beobachtung schnell versunken in die Filmwelten und tauchen umso entspannter in die Narkose ein.

Bisher wird die audiovisuelle Brille, die ein Start-up-Unternehmen in der Schweiz entwickelt hat, im Norden nur im Schleswiger Helios-Klinikum angewandt, betont Riese. „Wegen der guten Erfahrungen möchten wir bald noch ein weiteres Gerät anschaffen.“ Auch Tablets mit Spielen für Kinder unter sechs Jahren hätten sich für die Ablenkungsmanöver bewährt. Erwachsene, die in Teilnarkose operiert werden, müssen trotz der aufgesetzten Brille und des Kopfhörers nicht befürchten, nun alle Kontrollmöglichkeiten im OP-Saal zu verlieren. Denn sie können jederzeit links und rechts an der Brille vorbeischauen oder auch mit dem betreuenden Arzt sprechen. Viele allerdings möchten am liebsten so wenig wie möglich von Gesprächen unter Chirurgen sowie von piependen OP-Geräten mitbekommen.

Von angenehmen Erfahrungen der Stress-Bewältigung mit audiovisueller Hilfe kann der Patient Mustafa Yildrim aus Böklund berichten, der gestern am Arm in Teilnarkose operiert worden ist. „Die Filmsache hat mir sehr gefallen“, meint er, „ich war total abgelenkt, und beim nächsten Mal würde ich das Angebot wieder nutzen.“ Er hatte sich eine Komödie ausgesucht – welche, wusste er nach der OP nicht mehr so genau. Nur das: „Ich habe dabei sehr gelacht“.

Angst vor der Narkose – hier hält Anästhesist Günter Riese mit beruhigenden Fakten dagegen. „Heute werden bekömmliche Verfahren angewandt. Und selbst bei sehr alten und schwerkranken Patienten treten Komplikationen äußerst selten auf.“ Auch wenn sein Hinweis dabei nicht fehlt, dass „kein medizinischer Eingriff völlig frei von Risiken“ sei, betont Riese, dass durch die stete Überwachung der Körperfunktionen während der Operation Störungen sofort vom Arzt erkannt und behandelt werden können. Auch die Sorge, dass man als Patient bei der OP plötzlich Schmerzen mitbekommt oder gar aufwacht, sei unbegründet. „Durch EEG-Messungen am Kopf wird uns jederzeit angezeigt, ob alles im grünen Bereich ist.“ Mehr als 6000 Operationen finden im Helios-Klinikum Schleswig pro Jahr statt.

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