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Landwirtschaft : Mit der Drohne auf Rehkitz-Suche - bevor die Mähmaschine kommt

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Ein Landwirtschafts-Student aus Twedt spürt Rehkitze auf – bevor die Mähmaschine übers Feld fährt.

Twedt | Jedes Jahr wieder steht die Landwirtschaft beim ersten Grünschnitt vor demselben Problem: Rehkitze, die sich im hohen Gras verbergen. Sie werden von der Mähmaschine getötet, falls sie nicht vor dem Mähen entdeckt und fortgebracht werden. Während ihre Mutter, die Ricke, Futter sucht, liegen die Rehkitze versteckt im Gras oder Buschwerk. Ihr einziger Schutz ist ihre Geruchlosigkeit, die Raubtiere selbst in nächster Nähe an ihnen vorbei laufen lässt. Zusätzlich haben sie einen Drückreflex, der sie bei Annäherung eines unbekannten Ereignisses bewegungslos werden lässt. Allerdings setzt dieser Reflex nicht nur, wenn sich Raubtiere nähern, automatisch ein, sondern auch, wenn Mähmaschinen anrollen, die die niedlichen Jungtiere dann in der Folge zerstückeln.

Jäger und Landwirte versuchen seit Jahren, diese Unfälle zu vermeiden. Neben dem ethischen Aspekt gibt es dafür auch wirtschaftliche Gründe. Der Jäger schützt seinen Bestand und der Landwirt kann die mit Leichengift kontaminierten Siloballen nicht verfüttern. Erste Versuche, die verborgenen Kitze mit Hunden aufzuspüren, hatten aber nur wenig Erfolg. Denn die jungen Rehe lassen sich nicht aufscheuchen und Hunde können sie mangels Geruch nicht aufspüren.

Mit der Wärmebildkamera lassen sich die Rehkitze im hohen Gras aufspüren. Die roten Punkte zeigen ein Tier an.
Mit der Wärmebildkamera lassen sich die Rehkitze im hohen Gras aufspüren. Die roten Punkte zeigen ein Tier an.
 

Doch nun gibt es Abhilfe: Philipp Dethleffsen-Jürgensen aus dem Twedter Ortsteil Dornhöh hat ein Verfahren entwickelt, bei dem er die Tiere mit einer Drohne und einer Wärmebildkamera aufspürt. Der 26-Jährige bescheinigt seinem Verfahren eine Genauigkeit von 98 Prozent. Kitzsuche ist nämlich eher ein Nebenprodukt seiner Ausrüstung, für deren Gegenwert man sich auch ein Luxusauto der gehobenen Klasse leisten kann. Mit Wärmebild-, Vollformat-, Multispektral- und Videokamera inspiziert er Windkraft- sowie Solaranlagen und vermisst Flächen. Außerdem kontrolliert er damit den Pflanzenwuchs auf seinen Feldern und optimiert GPS-gesteuert Düngung und Pflanzenschutz. Um alle Daten auswerten zu können, benötigt er eine Computerkapazität, die auch einem Forschungszentrum alle Ehre machen würde.

Bei der Kitzsuche markiert er die Eckpunkte der abzusuchenden Fläche. Dann überlässt er es dem Computer, die günstigste Route festzulegen. „Das würde man von Hand gemacht niemals hinbekommen“, behauptet er. Vor allem würde so auch eine 100-prozentige Flächenabdeckung erreicht.

Während die V-förmige Drohne mit ihren acht Luftschrauben in etwa 100 Metern Höhe ihre Bahnen zieht, folgt ihr der Pilot mit zwei Helfern am Boden. Er wartet auf die roten Flecken, die Lebewesen im hüfthohen Gras anzeigen. Dann senkt er an dieser Stelle die Drohne auf Augenhöhe ab und lenkt seine Helfer dadurch auf das Ziel. Manchmal sind sie an diesem schon erfolglos vorbeigelaufen.

Gerettet: Dieses Rehkitz konnte vor dem sicheren Tod durch ein Mähwerk bewahrt werden.
Gerettet: Dieses Rehkitz konnte vor dem sicheren Tod durch ein Mähwerk bewahrt werden. Foto: Bärbel Meissner
 

Um dem Kitz keinen Fremdgeruch zu übertragen, ziehen die Helfer Gummihandschuhe an und nehmen Grasbüschel in die Hand. Erst dann heben sie es an und setzen es am Rand der Fläche im Unterholz oder auf einem andersartig bebauten Feld ab. Denn ohne diese Vorsichtsmaßnahme würde die Ricke ihr Junges verstoßen und damit dem Hungertod preisgeben.

„Die günstigste Zeit für so eine Suche ist zwischen 4 und 8 Uhr morgens“, erklärt Drohnenpilot Philipp Dethleffsen-Jürgensen. Sonst wäre es zu warm. Im günstigsten Fall durchsucht er in dieser Zeit 100 bis 150 Hektar Fläche. Realistisch in Angeln sind aber eher 70 bis 100 Hektar. Anfragen hat der studierende Landwirt aus ganz Schleswig-Holstein und dabei mehr, als er bearbeiten kann. Auch positive Rückmeldungen hat er schon bekommen. „In diesem Jahr habe ich nichts totgemäht“, schrieb ihm ein Landwirt im vergangenen Jahr.

Trotzdem will der Drohnenspezialist diese Arbeit nicht zu einem Geschäftsfeld seines landwirtschaftlichen Betriebes machen. „Ich möchte lediglich den Anstoß für andere geben, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen“, erklärte der Twedter. So könnten sich zum Beispiel mehrere Hegeringe zusammentun und solch eine Drohne anschaffen. Er sei gerne bereit, dies durch Informationsveranstaltungen und tätige Hilfe zu unterstützen.

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