Jüdische Familie aus Schleswig : Mit dem Osttransport in den Tod

Am Eingang zur Michaelisstraße betrieben die Pauls ihr Geschäft – das Haus prägt den Kornmarkt noch heute.
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Am Eingang zur Michaelisstraße betrieben die Pauls ihr Geschäft – das Haus prägt den Kornmarkt noch heute.

Über das Schicksal der jüdischen Familie Paul, die einst ein Herrenbekleidungsgeschäft am Kornmarkt betrieb.

shz.de von
26. Januar 2018, 12:00 Uhr

Am 18. Oktober 1941 verließ ein Zug den Bahnhof Berlin-Grunewald mit dem Ziel Litzmannstadt (Lodz). Er war der allererste von nicht weniger als 180 Berliner Deportationszügen überhaupt, mit denen Juden auf eine Reise in den Tod geschickt wurden. In diesem 1090 Menschen umfassenden so genannten Osttransport befand sich auch die Familie des einstigen Schleswiger Kaufmanns Friedrich Paul. Anlässlich des Gedenktages für die Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes soll an das Schicksal der Familie Paul erinnert werden.

„Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen.“ Mit diesen Worten hatte der damalige Bundespräsident Roman Herzog 1996 den 27. Januar, den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz 1945, zum zentralen Gedenktag erklärt.


Aus Neustrelitz nach Schleswig gezogen

Die polnische Stadt Lodz war am 8. September 1939, wenige Tage nach dem Überfall auf Polen, von den deutschen Truppen besetzt und vom Deutschen Reich als Teil des Warthegaus annektiert worden. Monate später wurde die polnische Stadt nach dem deutschen General Karl Litzmann umbenannt. Daher ist in deutschen Dokumenten, die das Ghetto Lodz betreffen, stets von Litzmannstadt die Rede.

Zurück zu den Pauls in Schleswig. Der Kaufmann Friedrich Paul, 1875 in Neustrelitz geboren, kam über Lübeck, wo er als Commis tätig gewesen war, Anfang 1900 zusammen mit seiner Frau Hedwig Betty, geboren 1876 in Ueckermünde, nach Schleswig mit dem Ziel, sich selbstständig zu machen. Zunächst wohnte das Ehepaar in der Faulstraße und wechselte bald in eine Wohnung im Hause Michaelisstraße 1. Einen Steinwurf davon entfernt, in dem historischen Gebäude Kornmarkt 12, eröffnete er eine „Herrengarderobenhandlung“, die unter der im Handelsregister beim königlichen Amtsgericht in Schleswig eingetragenen Bezeichnung „Kaufhaus Friedrich Paul“ firmierte. Bei dem Anwesen handelt es sich um das so genannte Hökerhus von 1712, das durch einen markanten Giebel auf sich aufmerksam macht. Angeboten und verkauft wurde in dem Geschäft nicht nur Herrenoberbekleidung, auch solche für Knaben, ferner Arbeitsbekleidung und Schuhwaren für Männer und Jungen – alles zu „annehmbaren Preisen“, wie in Anzeigen, die in den Schleswiger Nachrichten erschienen, versprochen wurde. Angeboten wurden beispielsweise Winter-Paletots (also Mäntel) in einer Preisklasse von 8,50 bis 36 Mark, elegante Herren-Anzüge zwischen 8,50 und 42 Mark und Jagdwesten von 1,60 Mark an. Diese günstigen Preise waren „wegen ungemein kleiner Geschäftsunkosten“ möglich, wie Paul seinem „werthen Publikum“ via Zeitungsanzeige wissen ließ.
Am 13. September 1902 wurden Friedrich und Hedwig Betty zum ersten Mal Eltern: In ihrer Wohnung in der Michaelisstraße kam ein Mädchen zur Welt – Helene. Die vom Standesamt Schleswig ausgestellte Geburtsurkunde weist Jahrzehnte später angebrachte Randvermerke auf, die mit Diskriminierung, Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten zu tun haben.


Im Vernichtungslager Chelmno umgebracht

1938, als die Familie Paul längst Schleswig verlassen und über Wilhelmshaven – dort wurde mit Käthe die zweite Tochter geboren – nach Berlin übergesiedelt war, fügte der Standesbeamte dem Dokument von 1902 die handschriftliche Anmerkung hinzu, dass Helene von nun an zusätzlich einen zweiten Vornamen zu führen habe, nämlich Sara. Damit bezog sich der Schleswiger Beamte auf das Nazi-Gesetz über die Änderung von Familiennamen und Vornamen, das darauf abzielte, jüdische Deutsche anhand ihrer Vornamen kenntlich zu machen, also zu stigmatisieren. Sofern sie nicht bereits einen „jüdischen Vornamen“ trugen, der „im deutschen Volk als typisch angesehen“ wurde, wurden sie gezwungen, zusätzlich den Vornamen Sara oder Israel annehmen. Die zweite Randnotiz stammt aus dem Jahre 1946 und hatte den Zweck, den Hinweis von 1938 zu annullieren.

Zuletzt wohnte die Familie Paul im Berliner Bezirk Schöneberg, im Hause Martin-Luther-Straße 11. Das war ein Stadtteil mit einem relativ hohen jüdischen Bevölkerungsanteil. Heute findet man dort viele Stolpersteine zur Erinnerung an deportierte Juden. Dem ersten Osttransport, der am 18. Oktober 1941 den Bahnhof Grunewald gen Lodz verließ, wurden auch Friedrich Paul, seine Frau Hedwig Betty und ihre Töchter Helene und Käthe zugeteilt. Der Leidensweg des Familienvaters endete am 26. Februar 1942 im Ghetto von Lodz. Seine Frau und seine Töchter wurden weiter verschleppt und im Mai 1942 im Vernichtungslager Chelmno umgebracht. Von den 1090 Juden dieses Transports aus Berlin überlebten drei die deutschen Todesfabriken im Osten.




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