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Schleswig-Flensburg : Mit 65 ist noch lange nicht Schluss

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die Zahl der Beschäftigten im Rentenalter steigt im Kreis rasant. Der Fachkräftemangel sorgt für ein Umdenken in der Wirtschaft.

von
erstellt am 09.Feb.2016 | 07:33 Uhr

In den Betrieben im Kreisgebiet steigt die Zahl älterer Arbeitnehmer rasant an. Waren im Juni 2014 noch 452 Beschäftigte über 65 Jahren sozialversicherungspflichtig beschäftigt, so waren es ein Jahr später bereits 575 – ein Plus von 27,2 Prozent innerhalb von nur zwölf Monaten. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Die Abkehr von der Rente mit 65 spielt dabei ebenso eine Rolle wie der zunehmende Mangel an Fachkräften in der Region. Beides bedingt auch ein Umdenken in vielen Unternehmen. Das Alter wird nicht mehr nur als Makel empfunden.

„Nur jung, schnell, dynamisch – das bringt’s nicht“, umschreibt Fabian Geyer, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Flensburg, Schleswig, Eckernförde, den Gesinnungswechsel in vielen Branchen. Das Lebensalter verliere zunehmend an Bedeutung bei der Beurteilung von Bewerbungen, erklärt er, gleichzeitig wachse das Bewusstsein dafür, dass man sich mit älteren Arbeitnehmern Wissen einkaufe. „Ich kann mir vorstellen, dass die Firmen künftig noch stärker auf Ältere setzen werden“, sagt er.

Auch bei der Agentur für Arbeit geht man davon aus. Agentursprecher Christian Groborsch sieht zwar auch den Zusammenhang von Fachkräftemangel und der Beschäftigung Älterer, betont allerdings auch die finanzielle Situation vieler Arbeitnehmer. Gerade in Regionen mit geringerem Lohnniveau – wie dem Kreis Schleswig-Flensburg – bestehe für viele Arbeitnehmer die Notwendigkeit, länger zu arbeiten. „Ein Auskommen ohne Einkommen“ – das sei längst nicht für jeden im Alter von 65 Jahren erreichbar, zumal, wenn er nicht die volle Rente bekomme, weil er noch nicht 45 Jahre gearbeitet hat.

Das spiegelt sich auch in der Statistik wider. Nach den Daten der Agentur für Arbeit sind es vor allem Branchen, in denen die Gehälter in der Regel niedrig sind, in denen besonders viele Ältere auch nach dem Erreichen der Ruhestandsgrenze erwerbstätig bleiben. Im Speditionsgewerbe und der Logistik etwa stieg die Zahl über 65-Jähriger in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung von 108 im Juni 2011 auf 234 im Juni 2015 (Bereich Verkehr und Lagerei, s.o.). Ähnlich sieht es in Gesundheits- und sozialen Berufen aus. Von 81 auf 191 stieg dort die Zahl der arbeitenden Senioren, im Bereich der geringer bezahlten Dienstleistung (beispielsweise– Gebäudereinigung) von 124 auf 191. Mit 255 Älteren liegt die Zahl im Bereich Handel und Kfz-Gewerbe derzeit am höchsten. Statistisch liegt die Steigerung im Kreis bei 27,2 Prozent innerhalb des letzten Jahres, das ist deutlich über dem Landesschnitt von 14,5 Prozent.

Ergo: Immer mehr Ältere müssen länger arbeiten, um über die Runden zu kommen, oder wollen länger arbeiten, weil es ihre Fitness zulässt und sie nicht „zum alten Eisen“ gehören wollen. Gleichwohl sehen Groborsch und Geyer den Trend, Mitarbeiter länger ans Unternehmen zu binden, um nicht in den Negativtrend aus Facharbeitermangel und demografischem Wandel mit immer weniger Nachwuchskräften zu geraten. Dafür sei aus Sicht beider ein Umdenken in der Mitarbeiterführung notwendig, „eine andere Art der Mitarbeiterkultur“, sagt der Agentursprecher und meint etwa die Umgestaltung des Arbeitsplatzes nach den Stärken und Schwächen des älteren Kollegen.

Denn, so heißt es beispielsweise von der Krankenkasse „IKK classic“, ältere Arbeitnehmer reagierten auf die Belastungen der Arbeitswelt anders als jüngere. Sie würden beispielsweise seltener krank, dafür dauerten ihre Arbeitsunfähigkeiten aber wesentlich länger. Daher werde die Gesundheitsförderung für Betriebe immer wichtiger.

Auch die Arbeitszeiten könnten für Ältere flexibler gestaltet werden, ergänzt Arbeitsgeberverbands-Geschäftsführer Geyer und weiß sich damit einig mit Randolf Haese, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Schleswig (KHS). Er belegt dies mit einem Handwerksbetrieb aus dem Kreis, der mit einem älteren Arbeitnehmer vereinbart habe, dass dieser einerseits weniger verdienen, dafür aber mehr Urlaub bekomme – ganz so wie vom Mitarbeiter gewünscht. Und gerade gestern habe er auch selbst mit einem Mitarbeiter verabredet, dass dieser nach dem Ruhestand als geringfügig Beschäftigter weiter arbeite. „Weil wir seine Kompetenz nicht einfach ziehen lassen wollen“, sagt Haese, der ein Umdenken zugunsten der Beschäftigung Älterer auch im Handwerk eindeutig feststellt. „Früher hat man versucht, die Leute mit 58 loszuwerden – heute hegt man seine ältere Belegschaft.“

 

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