Helios-Klinikum Schleswig : Missstände: Patienten erheben schwere Vorwürfe

Das Krankenhaus an der Moltkestraße hat 330 Betten und gehört seit 2012 zum Helios-Konzern. Dieser betreibt bundesweit 110 Akut- und Rehabilitationskliniken.
Das Krankenhaus an der Moltkestraße hat 330 Betten und gehört seit 2012 zum Helios-Konzern. Dieser betreibt bundesweit 110 Akut- und Rehabilitationskliniken.

Unzureichende Versorgung und dreckige Zimmer: Geschäftsführer Florian Friedel bestreitet Überlastung des Pflegepersonals.

shz.de von
10. Januar 2015, 12:29 Uhr

Schleswig | Weihnachten im Krankenhaus verbringen zu müssen, das ist an sich schlimm genug. Doch Anja Schmidt blickt sogar mit Wut auf ihren Aufenthalt in der Schleswiger Helios-Klinik zurück. Die 44-Jährige aus Mohrkirch war vier Tage vor dem Fest spätabends mit einer Lungenentzündung eingeliefert worden. Für sie begann der Horror nach eigener Aussage bereits im Eingangsbereich. Die Aufregung, dazu Nierenprobleme: Als Anja Schmidt dringend Wasser lassen musste, kümmerte sich niemand um die Patientin auf der Liege – mit entsprechenden Folgen, die wiederum zur Verärgerung beim Krankenhauspersonal führte. „Auch für mich war die Situation natürlich sehr peinlich“, sagt Schmidt.

Das Dreibettzimmer auf Station 11, in das die Frau anschließend verlegt wurde, machte einen ungepflegten Eindruck. In den Ecken und unter der Heizung lagen Lebensmittelreste, der fahrbare Bettschrank schien längere Zeit nicht gereinigt worden zu sein. Im Nachtschrank ihrer Bettnachbarin fand sich ein alter Kamm. Schmidt: „Das war wirklich kein Ort zum Wohlfühlen.“

Hinzu kamen andere Ungereimtheiten. So beklagt Schmidt, dass zu Beginn der Behandlung eine Sauerstoffzufuhr erfolgen sollte, was allerdings nicht geschehen sei. Und dann passierte auch noch ein Fehler bei der geplanten Blutabnahme. Nach Aussage der Patientin ist ihr gar kein Blut abgenommen worden, obwohl entsprechende Werte eingetragen wurden. Ihr Hausarzt habe erst später bemerkt, dass es sich dabei eindeutig nicht um ihr Blut handeln könne, erzählt Schmidt.

Doch das alles sollte in dem gleichen Zeitraum kein Einzelfall sein, wie auch das Beispiel einer 86 Jahre alten Dame aus Kappeln zeigt. Sie war wegen ihres schlechten Allgemeinzustandes eingeliefert worden und auf das selbe Zimmer auf Station 11 gekommen. Ihr Sohn Reinhard Wilczynski berichtet von „unhaltbaren Zuständen“. So sei seiner Mutter bei der Einlieferung ein OP-Hemd angezogen worden, an dem die Bänder zum Festbinden fehlten. Mit diesem offenen Nachthemd habe sie längere Zeit in einem Sitzstuhl vor dem Lift warten müssen, der sie in die obere Etage bringen sollte. Auch schildert Wilczynski, dass das Personal bei seiner Mutter erst nach vielen Stunden die Windel gewechselt habe, als eine Untersuchung anstand. In der Zwischenzeit seien Exkremente ausgetreten. Trotzdem sei das Bett nicht gereinigt, sondern seine Mutter nach der Untersuchung wieder in das verschmutzte Bett gelegt worden. Bettnachbarin Anja Schmidt: „Es war einfach nur eklig.“

Eine dritte Patientin aus dem besagten Zimmer, die ungenannt bleiben möchte, weiß ebenfalls über Missstände zu berichten. So habe ihr Mann bei ihr einen Verband wechseln müssen, da dem Personal dafür die Zeit gefehlt habe. Zudem hätten im Abfallbehälter des Zimmers über längere Zeit gebrauchte Wundbinden gelegen. Auch sei die Nachtpfanne nicht geleert worden. „Das ganze Zimmer roch nach Urin.“

Florian Friedel, Geschäftsführer der Schleswiger Helios-Klinik, kann die Vorwürfe „nicht vollständig nachvollziehen“. Er sagt aber auch: „Sofern die pflegerische Versorgung und die Reinigungsleistung mangelhaft waren, bedauern wir dies außerordentlich und bitten die betroffenen Patienten ausdrücklich um Entschuldigung.“ Zugleich appelliert er an die Patienten, sich mit Beschwerden direkt an die Klinik zu wenden. Die drei betroffenen Patienten hätten sogar die Möglichkeit gehabt, die Krankenhausleitung unmittelbar damit zu konfrontieren. Traditionell gingen der Geschäftsführer, der Ärztliche Direktor und die Pflegedienstleitung am 23.  Dezember durch das Haus, um jedem einzelnen Patienten frohe Weihnachten zu wünschen, erklärt Friedel.

Die Verwechslung der Blutentnahme räumt der Geschäftsführer freimütig ein. „Dass ein solcher Fehler passiert ist, ist bedauerlich.“ Zum Glück sei niemand zu Schaden gekommen. Man werde dafür sorgen, dass sich ein solcher Vorfall nicht wiederholt, verspricht Friedel. Gleichzeitig weist er jedoch darauf hin, dass die Verwechslung bereits während des Aufenthaltes der Patienten aufgefallen sei. Dies habe man den Betroffenen sofort mitgeteilt.

Dass das Krankenhauspersonal über die Feiertage überlastet gewesen sei, glaubt Friedel nicht. Zwar habe die Klinik im Dezember eine um etwa 20 Prozent höhere Belegung als im Vorjahreszeitraum verzeichnet. „Allerdings war auch hierfür die personelle Ausstattung ausreichend.“ Friedel tritt dem immer wieder erhobenen Vorwurf entgegen, dass ein privater Konzern wie Helios zu Lasten der Patienten am Personal spare: „Wir prüfen ständig, wie viel Personal wir in den einzelnen Bereichen benötigen, um am Ende hervorragende medizinische Qualität leisten zu können. Im ärztlichen Bereich hat das dazu geführt, dass wir mittlerweile am Haus rund zehn Vollzeitkräfte mehr beschäftigen als noch vor einem Jahr. Auch im pflegerischen Bereich hat sich das Verhältnis von Patienten je Pflegekraft gegenüber den Vorjahren verbessert.“

Beschwerden über mangelnde Sauberkeit im Schleswiger Krankenhaus machen schon seit Längerem die Runde. Im Umfeld der Klinik ist die Rede davon, dass aus Zeitgründen nur noch „Putzen auf Sicht“ angesagt sei. Das heißt, dass lediglich sichtbarer Schmutz beseitigt wird. Friedel räumt ein: „Im Bereich der Reinigung hatten wir vor rund zwei Jahren ein Problem mit einem externen Dienstleister.“ Daraufhin habe man eine eigene Tochtergesellschaft mit dem Putzen beauftragt. „Trotz gelegentlich auftretender Mängel sind wir mit dem Ergebnis zufrieden.“ Diese Auffassung werde durch den Fachdienst Gesundheit des Kreises geteilt, so Friedel. Zudem gebe es in der Klinik spezielle Hygiene-Beauftragte. Ein Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde bestätigt auf SN-Nachfrage, dass keine gravierenderen Mängel festgestellt worden seien.

Für Anja Schmidt ist das ein schwacher Trost. Für sie steht fest: „In die Helios-Klinik nach Schleswig gehe ich nie wieder.“

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