Brandstiftung in Schleswig : Mildes Urteil für Hertie-Brandstifter

Mit 85 Einsatzkräften musste die Feuerwehr den Brand in dem leer stehenden Kaufhaus damals stundenlang bekämpfen.
Mit 85 Einsatzkräften musste die Feuerwehr den Brand in dem leer stehenden Kaufhaus damals stundenlang bekämpfen.

Im Oktober 2013 brannte das ehemalige Hertie-Gebäude. Ein 20-Jähriger wird im Hauptanklagepunkt freigesprochen. Beide Komplizen müssen aber wegen anderer Taten Arbeitsstunden ableisten.

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19. Dezember 2014, 07:11 Uhr

Schleswig | „Was sich wirklich in dem Gebäude abgespielt hat, liegt im Dunkeln. Das Gericht sieht sich deshalb nicht in der Lage, die Schuldfrage abschließend zu beurteilen.“ So begründete Richterin Gudrun Mucke am Donnerstag den Freispruch für einen 20-jährigen Schleswiger, der sich seit September in vier Verhandlungstagen vor dem Amtsgericht für die Brandstiftung im ehemaligen Hertie-Gebäude am 8. Oktober 2013 verantworten musste (wir berichteten). Da dies jedoch nicht die einzige Straftat war, die ihm und – zumindest zum Teil auch – seinem 18-jährigen Komplizen zur Last gelegt wurde, lautete das Urteil für den jungen Mann am Ende: 80 Stunden gemeinnützige Arbeit. Zudem wurde der Angeklagte verwarnt, und er muss über sechs Monate ein sogenanntes soziales Training bei der Awo besuchen. Der jüngere der beiden kam – zumindest erst einmal – mit 40 Arbeitsstunden sowie drei Monaten sozialem Training davon.

All dies hatte zuvor auch Staatsanwalt Emanuel Guhra gefordert. Allerdings ging er in seinem Plädoyer einen entscheidenden Schritt weiter und forderte für den Hauptangeklagten zusätzlich einen zweiwöchigen Dauerarrest. Das begründete Guhra unter anderem mit Blick auf die Fülle der Straftaten (es ging um Betrugsfälle, zweifachen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr, den Missbrauch des Notrufes sowie mehrere weitere Fälle von Brandstiftungen).

Hauptsächlich aber zweifelte der Staatsanwalt die Glaubwürdigkeit des widerrufenen Geständnisses des Angeklagten an. Der hatte sowohl nach seiner Festnahme, als auch am ersten Verhandlungstag zugegeben, dass er die Müllcontainer im Innern des leer stehenden Kaufhauses angezündet habe. Am zweiten Verhandlungstag allerdings gab er plötzlich – für alle Prozessteilnehmer völlig unerwartet – an, dass es doch sein ehemaliger Kumpel gewesen sei, der das Feuer gelegt hatte. Sein Geständnis sei nur auf den von der Polizei ausgeübten Druck sowie den anfänglichen Plan, seinen Mitstreiter zu schützen, zurückzuführen. Denn dieser habe, im Gegensatz zu ihm selbst, eine Familie, um die er sich kümmern müsse. „Deshalb so eine Straftat auf sich zu nehmen, halte ich für unglaubwürdig“, meinte Guhra, der zudem auf die Schwere der Tat bei dem Hertie-Brand hinwies: „Da bestand eine erhebliche Gefahr für die umliegenden Gebäude und auch für die Einsatzkräfte der Feuerwehr.“

Dass der junge Mann im Verhör auf dem Schleswiger Polizeirevier im Herbst 2013 die Schuld auf sich genommen hatte, sorgte allerdings dafür, dass er sich im Hauptanklagepunkt rund um die Hertie-Brandstiftung allein verantworten musste und sein Kumpel in diesem Fall nur Zeuge war. Im Laufe des Prozesses allerdings kristallisierte sich heraus (durch gegenseitige Schuldzuweisungen sowie Zeugenaussagen), dass auch der jüngere der beiden eine entscheidende Rolle dabei gespielt haben könnte. Dementsprechend prüfe die Staatsanwaltschaft nun, so Guhra, ob in diese Richtung noch einmal ein neues Verfahren angestrengt wird. Ebenso werde man innerhalb einer Woche entscheiden, ob gegen das Urteil Revision eingelegt wird.

Insgesamt aber waren sich sowohl die Richterin, als auch der Staatsanwalt und die Pflichtverteidiger darin einig, dass beide Angeklagte um längere Haftstrafen herum kommen. Das lag nicht nur daran, dass in beiden Fällen Jugendrecht angewendet wurde. Auch zeigten sich, insbesondere bei dem Hauptangeklagten, „eindeutig positive Tendenzen“. So sei dieser seit dem Hertie-Brand, also seit 14 Monaten, nicht wieder straffällig geworden. Auch habe sich der junge Mann an ein ihm bekanntes Ehepaar gebunden, das ihm nun Halt biete. „Ich bin mir sicher, dass er verstanden hat, was er alles angerichtet hat, und überzeugt davon, dass er in Zukunft nicht mehr auffällig wird“, sagte der Verteidiger des Angeklagten, der deshalb einen zweiwöchigen Dauerarrest für seinen Mandanten strikt für ein falsches Signal hielte: „So etwas ist eher ein klassischer Denkzettel für Jugendliche, die drohen, auf die schiefe Bahn zu geraten.“ Erzieherische Maßnahmen jedoch halte er, ebenso wie die Richterin, für angemessen.

„Das war eine turbulente und langwierige Verhandlung, bei der man immer mit Überraschungen rechnen musste. Dabei war es bei der Vielzahl von Straftaten, die hier aufgearbeitet werden mussten, ohnehin nicht einfach, den Überblick zu behalten“, fasste Staatsanwalt Guhra schließlich das zusammen, was wohl alle im Gerichtssaal dachten. Eine Fortsetzung indes ist allerdings noch nicht ausgeschlossen.

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