Überfall auf Hafenbistro-Mitarbeiterinnen : Milde Urteile im Esch-Prozess

Landgericht verurteilt nur einen von fünf Angeklagten zu Gefängnisstrafe ohne Bewährung.

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02. Juli 2015, 16:30 Uhr

Einmal Gefängnis, dreimal Bewährung, einmal Freispruch. Das sind die Urteile gegen die fünf jungen Männer, die sich vor dem Flensburger Landgericht für den Überfall auf zwei Mitarbeiterinnen des Fischbistros Esch am Hafen verantworten mussten. Damit fielen die Strafen vergleichsweise milde aus. Für schwere räuberische Erpressung sieht das Strafgesetzbuch mindestens drei Jahre Freiheitsstrafe vor. Eine Bewährung ist bei diesem Strafmaß nicht mehr möglich.

Staatsanwalt Dieter Chlosta hatte für vier der fünf Angeklagten mehr als drei Jahre Haft gefordert. Er wollte nur den Fahrer des Fluchtfahrzeugs, einen 30-jährigen Soldaten, mit sechs Monaten auf Bewährung davonkommen lassen. Den Fahrer sprach das Gericht frei. Denn nach Abschluss der Beweisaufnahme sprach einiges dafür, dass er nicht wusste, was seine Freunde planten, als sie sich an einem Sonnabend im Mai des vergangenen Jahres kurz vor Mitternacht an den Stadthafen fahren ließen. Der Soldat hatte sich vor Gericht als Opfer und nicht als Täter dargestellt. Wegen der Ermittlungen gegen ihn hatte ihn die Bundeswehr vom Dienst suspendiert und seine Bezüge halbiert. Der entgangene Sold, erklärte sein Verteidiger Thomas Goede, werde ihm nach dem Freispruch wohl nachgezahlt. Nach fast einem Jahr außer Dienst könne er nun aber nicht mehr, wie geplant, bei der Bundeswehr eine neue Ausbildung beginnen.

Die eigentlichen Opfer des Überfalls waren indes die zwei jungen Mitarbeiterinnen des Bistros, die in jener Nacht nur kurz die Tageseinnahmen in Höhe von 4500 Euro über die Straße zum Wohnhaus ihres Chefs tragen wollten. Eine der beiden brach bei ihrer Zeugenaussage in Tränen aus, als sie schilderte, wie sehr sie noch immer traumatisiert sei.

Darauf wies auch der Vorsitzende Richter Michael Lembke in seiner Urteilsbegründung hin. „Die Frauen hatten Todesangst. Plötzlich standen maskierte Männer vor ihnen, und sie konnten nicht ahnen, dass die Waffe nicht geladen war.“ Der Ablauf der Tat ließ sich, auch dank der Aussagen der beiden Bistro-Mitarbeiterinnen, recht genau rekonstruieren. Was die Vorgeschichte angeht, blieb jedoch vieles im Unklaren. Die Angeklagten widersprachen sich häufig gegenseitig. Jeder war bemüht, möglichst viel Schuld bei den anderen abzuladen. „Das müssen Sie selbst unter sich abmachen, ob das kollegial ist“, meinte Lembke dazu.

Klar ist, dass ein 26-jähriger Küchen-Mitarbeiter aus dem Bistro den entscheidenden Tipp gab. Vermutlich schickte er um 23.17 Uhr seinen Kumpanen eine Handy-Nachricht, aus der sie erfuhren, dass an jenem Abend zwei junge Frauen und nicht der kräftig gebaute Karl Josef Esch selbst das Geld transportieren würden. Das Gericht verurteilte den vorbestraften Tippgeber aus der Küche nicht wegen Mittäterschaft, sondern lediglich wegen Beihilfe. So blieb die Strafe bei einem Jahr und zehn Monaten und wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Die Strafen für die beiden Haupttäter fielen noch geringer aus: Ein Jahr und acht Monate sowie ein Jahr und sechs Monate. Damit blieb das Gericht in einem Fall sogar knapp unterhalb der Strafe, die der Verteidiger gefordert hatte. Einem der Männer hielten die Richter zugute, dass er die Opfer nicht direkt bedroht hatte, sondern ein paar Schritte zurück blieb – offenbar, weil ihn der Mut verlassen hatte. So wurde aus der ursprünglich angeklagten schweren räuberischen Erpressung eine einfache. Beim zweiten Haupttäter setzte das Gericht das Strafmaß unter anderem deshalb so niedrig an, weil er bereits einen Teil Wiedergutmachung geleistet habe: Er zahlt seinen Anteil an der Beute in Raten an Esch zurück.

Der einzige Angeklagte, der die verhängte Strafe nun tatsächlich verbüßen muss, sitzt ohnehin schon im Gefängnis. Er war 2013 wegen Betrugs zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Die Bewährung wurde nach dem Überfall aufgehoben. Ihn hatten seine Komplizen erst wenige Stunden vor der seit langem geplanten Tat zum Mitmachen überredet. Für ihn fand das Gericht keine mildernden Umstände. „Dass jetzt derjenige, der als letzter auf den Zug gesprungen ist, die härteste Strafe bekommt, das wussten wir nicht anders zu lösen“, sagte Richter Lembke. Von einem zweiten Tatvorwurf sprach er ihn indes frei: Er soll 2013 in ein anderes Restaurant an der Schlei eingebrochen sein. Der einzige Hinweis darauf waren Blutspuren an einer eingeschlagenen Fensterscheibe. Zu wenig, meinte das Gericht.

Ob die Staatsanwaltschaft gegen die Urteile Revision einlegen wird, ist noch nicht entschieden.

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