Ex-Fussballprofi Andre Bistram : „Mich kann nichts mehr schocken“

Ex-Profi hinterm Tresen: André Bistram, Betreiber des Freibad-Bistros in Kropp.
Ex-Profi hinterm Tresen: André Bistram, Betreiber des Freibad-Bistros in Kropp.

Einst schoss er Tore für Schalke 04 – heute betreibt er den Kiosk im Kropper Freibad. Interview mit André Bistram.

shz.de von
21. Juli 2018, 23:47 Uhr

Seit dem 1. Mai ist André Bistram (56) der neue Bistro-Betreiber im Kropper Freibad. Viele seiner Kunden, denen er Currywurst, Pommes und Crêpes mit einem Schnack und einem Lächeln über den Tresen reicht, dürften nicht ahnen, wer vor ihnen steht: Torschützen-König der Oberliga Nord 1986 in Diensten von Holstein Kiel, begehrtes Talent, hinter dem mehr als die halbe Bundesliga her war, Profi bei Schalke 04, Bundesliga-Aufsteiger mit dem FC St. Pauli. Mit Matthias Hermann sprach er über seine ungewöhnliche Lebensgeschichte.

Herr Bistram, wie sind die ersten Wochen für Sie verlaufen?

Gerade im Mai war das Wetter bombastisch. Da hat es richtig gut angefangen. Im Juni waren dann ja auch ein paar nicht so schöne Tage dabei. Ich glaube, jetzt zu den Ferien wird es aber wieder ein richtig guter Sommer. Generell wird das Freibad richtig gut angenommen, nicht nur von Kroppern. Auch aus Rendsburg und Schleswig kommen die Leute hierher. Wenn man auch sieht, was hier alles neu gemacht wurde an den sanitären Anlagen, am Gastrobereich muss man einfach sagen, dass es ein wunderschönes Freibad geworden ist.

Wie sind sie überhaupt an den Job als Bistrobetreiber gekommen?

Es gab eine Ausschreibung. Ein paar Kropper waren in der Zeit im Luisenbad in Schleswig vorbeigekommen, das ich auch betreibe, und hatten gefragt, ob ich nicht auch Interesse hätte, mich für das Freibad-Bistro in Kropp zu bewerben. Es gab ein Auswahlverfahren und letztendlich habe ich den Zuschlag bekommen.

Und ein bisschen ist die Ecke ja auch ihre Heimat…

Geboren bin ich eigentlich in Eutin. Ich bin ja ein Polizisten-Kind. Und da mein Vater Karriere gemacht hat, wurde er auch versetzt. Neben Eutin 08 waren weitere Jugendstationen von daher der Polizeisportverein Flensburg und eben auch Schleswig 06.

Als Profifußballer haben Sie viele andere Ecken von Deutschland kennen gelernt. War immer klar, dass es irgendwann zurück nach Schleswig-Holstein geht?

Ich würde jetzt nicht von „back to the roots“ sprechen. Aber manchmal ergeben sich halt Möglichkeiten. Ganz ehrlich: Was in fünf bis sechs Jahren ist, weiß ich noch nicht. Ich sage einfach: Schaun mer mal. Auch im Ruhrpott habe ich mich sauwohl gefühlt. Wenn du da dahin zurück kommst, heißt es nur: Setz dich, nimm dir ein Bier. Als wenn du nie weggewesen wärst.

Mit Blick auf den heutigen Fußball: Sind sie froh, damals Profi gewesen zu sein?

Es gibt ja zwei Aspekte. Der eine ist der finanzielle. Da müsste man schon recht blöd sein, nicht zu sagen: Schade, dass ich vor 20 Jahren Profi war. Aber die andere Seite mit Social Media und all dem Kram, da bin ich froh, damals gespielt zu haben. Überall werden nur noch Fotos gemacht, wo man hinkommt.


Wenn man das Strahlen in Ihren Augen sieht, ist anzunehmen, dass Sie mit ihrem Lebensweg durchaus zufrieden sind?

Ich bin ein Mensch, der gerne viele Sachen ausprobiert. Ich sage immer, wenn sich irgendwo eine Tür öffnet, wirst du es nur dann bereuen, wenn du nicht durchgegangen bist. Erstmal schauen, was da kommt, dann kann man sie immer noch zu machen. Du musst die Wege gehen. Ganz ursprünglich war ich Beamter beim Versorgungsamt in Schleswig und habe Rentenberechnungen für Kriegsopfer gemacht. Da habe ich mich zu Beginn meiner Laufbahn beurlauben lassen. Das ging, wenn man dem Arbeitsmarkt nicht zur Last fiel. Meine Begründung war, dass es damals nur rund 450 Profis in Deutschland gab und ich damit garantiert niemandem einen Arbeitsplatz wegnehmen würde. Neun Jahre war ich beurlaubt, wurde zwischendrin sogar Beamter auf Lebenszeit – aber als sie fragten, ob ich wiederkomme, habe ich nein gesagt.

Wie sehr sind Sie noch mit dem Fußball verbunden?

Immer noch sehr interessiert, egal ob Nationalmannschaft, Bundesliga oder auch Holstein Kiel, von denen ich hoffe, dass sie sich in Liga Zwei halten. Bei deren Entwicklung muss ich wirklich sagen: Hut ab, was da passiert. Ganz im Gegensatz zum HSV, der in den letzten Jahren um den Abstieg gebettelt hat. Bei Hamburg wäre ich fast auch gelandet. Willi Reimann, damals Trainer beim FC St. Pauli, hatte mich damals ans Millerntor gelotst. Zwei Tage, nachdem ich meinen Vertrag unterschrieben hatte, ist Reimann zum HSV gegangen.


Aber auf dem Feld sind Sie nicht mehr oft zu finden?

Aktiv trete ich nur noch selten gegen den Ball. Ich hab nach einem Herzinfarkt 2014 sechs Bypässe gelegt bekommen. Zu dem behandelnden Arzt habe ich nur gesagt: Wenn ich wieder aufwache, haben Sie bitte keine Flügel. Es war einfach nicht mein Tag zum Sterben. Keiner wusste, woher das kam. Vier Tage vorher hatte ich mich noch beim Arzt durchchecken lassen. Alles okay. Danach war ich direkt wieder fit. Einen Tag nachdem ich entlassen wurde, hab ich mich dann mit dem Noro-Virus angesteckt und zur Krönung dann noch nach der Reha beim Lampenwechseln zu Hause einen Stromschlag geholt. Ich sage, irgendeiner wollte mich wohl haben, aber drei Anschläge – und keiner hat geklappt. Seitdem ist es ruhiger um mich geworden, aber dafür kann mich nichts mehr schocken.

Das alles hat Sie sicherlich nachhaltig beeinflusst.
 

Man muss in seinem Leben mutig sein, Schritte gehen, Chancen nutzen. Ich möchte einfach nicht irgendwann auf dem Sofa sitzen und mich fragen, wie mein Lebensweg sonst verlaufen wäre.

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