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Vermisstenmeldungen : „Menschen verschwinden nicht einfach“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Im vergangenen Jahr gab es 797 Vermisstenfälle im Kreis Schleswig-Flensburg: Gewaltverbrechen sind die Ausnahme, jugendliche Ausreißer die Regel. Die hohe Zahl der Einrichtungen, in denen Jugendliche zum Teil gegen ihren Willen festgehalten werden, treibt die Vermisstenquote nach oben.

shz.de von
erstellt am 10.Apr.2014 | 12:00 Uhr

Flensburg | Länger als zwei Wochen war Anja L. aus Klein Rheide spurlos verschwunden und die Kriminalpolizei auf der Suche nach der 32-Jährigen. Dann machte ein Waldbesitzer Ende März bei Dannewerk den grausigen Fund, entdeckte die Leiche der Frau auf seinem Grundstück. Und heute auf den Tag genau sechs Wochen ist es her, dass im Kropper Diakoniewald die Leiche einer Frau gefunden wurde, die bereits seit Oktober vergangenen Jahres vermisst wurde. „Dass Menschen einfach so verschwinden, kommt in Filmen vor, im echten Leben ist das die absolute Ausnahme“, sagt Markus Langenkämper, Sprecher der Polizeidirektion Flensburg. Die Statistik sagt jedoch zunächst einmal etwas anderes. Allein im vergangenen Jahr zählte sie 797 Vermisstenfälle im Kreis Schleswig-Flensburg. „Im Vergleich zu anderen Kreisen sind die Zahlen bei uns ziemlich hoch“, so der Polizeisprecher.

Jeder Fall ist dabei anders. Langenkämper spricht von Minderjährigen, die stiften gehen, von demenzkranken Senioren, von Suizidgeschichten, aber auch von Gewaltdelikten. 75 Prozent der Verschwundenen tauchten nach ein bis zwei Tagen wieder auf, 20 Prozent nach sieben Tagen und bei den restlichen fünf Prozent dauere die Suche bis zu 30 Tage, heißt es in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS), bis die Vermissten gefunden werden – tot oder lebendig. Nur in absoluten Ausnahmefällen dauere die Suche länger oder bleibe vergeblich. So wie in dem spektakulären Fall von Ruprecht Oehme aus dem Jahr 2001. Der damals 84-jährige Lübecker, der sich im Waldschlösschen in Schleswig eingemietet hatte, machte einen Waldspaziergang und wurde nie wieder gesehen. „Es gibt eine Suizid-Vermutung“, sagt Langenkämper, ein Leichnam wurde jedoch nie gefunden und die Akte bis heute nicht geschlossen. Mindestens 30 Jahre müssen Akten von ungeklärten Fällen aufbewahrt werden. „Man guckt da zwar nicht täglich drauf, aber auch in diesen Fällen wird immer Mal wieder ermittelt“, sagt der Polizeisprecher. So war es auch im Fall von Ruprecht Oehme: Drei Jahre nach seinem Verschwinden nahmen die Ermittler die Suche nach dem Senioren noch einmal auf. Denn in einem damals aktuellen Gerichtsprozess zu einem ganz anderen Fall waren Vermutungen geäußert worden, dass der Angeklagte auch etwas mit dem Veschwinden des Lübeckers zu tun gehabt haben könnte. Die Kriminalpolizei durchforstete daraufhin mit Spürhunden das gesamte Areal am Waldschlösschen – erneut erfolglos.

Laut Polizeidienstverordnung gilt eine Person als vermisst, „wenn sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen hat, der Aufenthalt unbekannt ist und für sie Gefahr besteht für Leib und Leben“. Besonders Letzteres, beispielsweise bekräftigt durch einen Abschiedsbrief, bedeutet akuten Handlungsbedarf für die Beamten. Und akut heißt sofort, betont Langenkämper. „Die 24-Stunden-Regelung ist ein Irrglaube. Das gibt es nur im Fernsehen. Auch vertrösten wir die Angehörigen nicht, die zu uns kommen. Das ist auch so ein Mythos aus dem TV. Die Beamten fahren bei der Suche immer das volle Programm“, sagt er. Gerade bei vermissten Kindern und Jugendlichen sei der Druck bei den Ermittlern noch mal wesentlich höher als bei vermissten Erwachsenen. Natürlich gebe es Abschwächungen, zum Beispiel bei „einem Dauerwegläufer; wenn Kevin das x-te Mal ausgebüxt ist, dann warten wir schon mal ein bisschen länger“, so Langenkämper. Dann kämen Kooperationen zwischen Einrichtungen, Jugendämtern und der Polizei zunächst zum Tragen.

Tatsächlich sind es überwiegend Jugendliche, die zeitweise verschwinden. Von den 797 Vermissten im vergangenen Jahr waren 541 unter 18 Jahre alt. Dass der Kreis Schleswig-Flensburg im Vergleich zu anderen Landkreisen in Schleswig-Holstein relativ viele Vermisstenfälle verzeichnet, führt Langenkämper auf folgenden Umstand zurück: „Wir haben hier gut 160 Einrichtungen, in denen Jugendliche – zum Teil gegen ihren Willen – untergebracht sind und sozialisiert werden sollen, dazu Fachkliniken und die Jugendforensik in Schleswig.“ Dafür, dass die Vermisstenzahl von 2011 auf 2012 schlagartig angestiegen ist, hat der Beamte jedoch keine Erklärung. 2012 galten 813 Menschen im Kreisgebiet als vermisst, im Jahr 2011 waren es noch 586 und ein Jahr davor nur 536.

„Gewaltverbrechen sind bei Vermisstenfällen die Ausnahme“, sagt Langenkämper. Liege die Vermutung für eine Straftat nahe, werde eine Sonderkomission gegründet, wie im Jahr 2008, als Beamte nach einem verschwundenen Ponyhof-Besitzer aus Busdorf suchten und ihn einen Monat später erschossen in einem Waldstück nahe der A 7 bei Jagel fanden. Auch im Fall von Ruprecht Oehme bildeten die Beamten der Kriminalpolizeistelle Schleswig und der übergeordneten Bezirkskriminalinspektion in Flensburg mit eigener Mordkommission solch ein Sonderkommando. Bei den Obduktionen der beiden im Frühjahr gefundenen Frauenleichen wurde ein Fremdverschulden jedoch eindeutig ausgeschlossen.

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