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„Heron 1“ : Ausbildung zum Drohnen-Piloten in Kropp

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Erstmals werden neun Soldaten auf deutschem Boden im Fliegen der unbemannten Aufklärungsdrohnen ausgebildet. In Kropp findet die Theorieausbildung statt.

shz.de von
erstellt am 27.Dez.2014 | 16:27 Uhr

Frank König* kennt die Vorurteile. Verstehen kann er sie nicht. „Es hat mit Science-Fiction oder den Youtube-Filmen von amerikanischen Killervideos nichts zu tun, was wir hier machen“, sagt der 30-Jährige. „Wir retten Leben.“ König ist Pilot bei der Luftwaffe. Derzeit ist er allerdings wenig in der Luft, er steuert am Simulator ein Flugzeug. Genau genommen ist es eine Drohne des Typs „Heron 1“. König wird zum Drohnen-Piloten – im Fachjargon „Aerial Vehicle Operator“ (AVO) genannt – ausgebildet. Bisher wurden die Soldaten für diese Aufgabe in Israel geschult, jetzt findet die Ausbildung zum ersten Mal für neun Piloten auf deutschem Boden statt – und zwar in Kropp (Kreis Schleswig-Flensburg). Das Taktische Luftwaffengeschwader 51 „Immelmann“ ist der einzige fliegende Verband der Luftwaffe, der über die Fähigkeiten zur be- und unbemannten abbildenden und signalerfassenden luftgestützten Aufklärung befähigt ist.

König sitzt in einem Schulungsraum in der Kai-Uwe-von-Hassel-Kaserne. Vier Wochen Theorieschulung hat er schon hinter sich. Acht bis neun Stunden am Tag. Fünf Tage die Woche. Jetzt ist er zwei Wochen lang in der Simulatorphase. Hier sitzt er entspannter als in einem Kampfjet des Typs „Phantom“, wie der Hauptmann es sonst gewohnt ist. Hier wirken keine Fliehkräfte – und doch ist die Aufgabe eine große Herausforderung. „Es ist aus meiner Sicht einfacher, ein Flugzeug zu fliegen, in dem man sitzt, als ein unbemanntes Flugzeug zu steuern. Ich kann nichts fühlen, sehen oder hören“, berichtet König – und ergänzt: „Die Technik finde ich hochinteressant, weil sie hochkomplex und hochflexibel ist.“

Seit 2010 setzt die Bundeswehr in Afghanistan den „Heron 1“ ein. 20.800 Einsatzstunden sind seitdem zusammengekommen. Deutschland hat drei von Israel geleaste „Heron“ (zu deutsch: Reiher) auf dem Stützpunkt Masar-i-Scharif stationiert. In den nächsten Tagen wird der Isaf-Einsatz für geschlossen erklärt, ehe es ab 1. Januar mit der Nachfolgemission „Resolute Support“ weiter geht, ebenfalls unter Nato-Kommando. Das soll dann aber eine Beratungs- und keine Kampfmission mehr sein. Statt 28 werden dann 25 „Immelmänner“ vor Ort sein, davon 14 AVOs.

Aus den Bilder der „Heron“ können die Soldaten viel lesen. Im besten Fall sogar, wo die Erde zuvor umgegraben und Sprengfallen gelegt wurden. Im Gefecht können sie beispielsweise die Bodentruppen informieren, wo genau sich die Gegner verschanzt haben. „Unsere Arbeit kann den Unterschied machen“, sagt Oberstleutnant Rolf Petersen*, der sich ebenfalls zum „Heron“-Piloten ausbilden lässt. „Die Ergebnisse, die wir liefern, sind von außerordentlicher Wichtigkeit. Es ist eine Frage von Leben und Tod.“ Es gehe darum, die Verbündeten, aber auch die eigenen Truppen zu schützen. „Man kann das Risiko für den Einsatz der Bodentruppen minimieren.“ Allerdings können sie nicht bedrängten Soldaten am Boden mit Waffen beistehen.

König war auch als Pilot für den Euro Hawk vorgesehen. Bis der ehemalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) das Projekt wegen Problemen bei der Zulassung für den deutschen Luftraum und drohender Mehrkosten von 500 bis 600 Millionen Euro stoppte. Nun kann er nur hoffen, dass Deutschland auch zukünftig auf die unbemannte Aufklärung setzt. Alles spricht dafür. Nur weiß niemand, wann die Politik eine klare Richtung vorgibt. Die Leasing-Verträge mit Israel laufen für die drei im Einsatz befindlichen „Heron1“ im April 2015 aus. Danach soll es eine Zwischenlösung geben. Ob sich Deutschland dann eigene Drohnen anschafft, ist noch immer unklar.

Strittig ist auch die sensible Frage, ob die Drohne bewaffnet sein soll oder nicht. Im Sommer dieses Jahres hatte sich Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) für die bewaffnete Version ausgesprochen – und Gegenwind bekommen. Fast zwei Drittel der Deutschen sprachen sich gegen die Beschaffung bewaffneter Drohnen für die Bundeswehr aus. König mag über das Thema nicht gerne sprechen. Es ist nicht seine Aufgabe als Soldat. Nur so viel: „Stellen Sie sich vor, Sie sehen, wie jemand, den Sie gut kennen, angegriffen wird.“ Oberstleutnant Petersen ergänzt: „Die Frage kann nur die Politik beantworten.“

Erstmal gilt es für Hauptmann König, sich auf seine Aufgabe vorzubereiten. An diesem Tag noch am Simulator. Dafür sitzt er neben einer israelischen Ausbilderin, die ihn in die Technik einweist. Er blickt auf zwei Bildschirme. Auf dem einen ist eine Karte von Israel zu sehen. Dort wird König auch im Januar seine praktische Phase durchlaufen. Später wird er statt auf eine israelische auf eine afghanische Karte blicken. Zwei Einsätze sind im kommenden Jahr für ihn vorgesehen. Jeweils sieben Wochen wird er am Hindukusch verbringen. Auf dem zweiten Bildschirm sind die Bilder zu erkennen, die die Kameras an der Drohne aufnehmen. Der Simulator zeigt eine öde Landschaft. Später wird König dort Bilder sehen, durch die er vielleicht Leben retten kann, die ihn vielleicht aber auch an Grenzen bringen werden. Psychisch, aber auch physisch. Es sei auch eine gewisse Monotoniefähigkeit gefragt, und das bei wenig Schlaf, verrät ein erfahrener „Heron“-Pilot.

Dass der Pilot die Drohne per Joystick steuert, ist zumindest bei der „Heron“ ein Mythos. König lenkt sie mit der Computertastatur und einem kleinen Bällchen, Trackball genannt, das sich bewegen lässt. Einen Joystick hat nur ein zweiter Mann, der Sensorbediener („Payload Operator“), der damit die Kamera ausrichtet, die auch Wärmebildaufnahmen machen kann. Das alles hat König bereits gelernt. Nun folgt die Praxisphase in Israel. „Theoretisch können wir alles im Detail, jetzt freue ich mich endlich auf die Praxis.“


* Namen geändert

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