„Zwergenwiese“-Gründerin Susanne Schöning : „Meine Mission ist gelungen“

Susanne Schöning.
Susanne Schöning.

Die Unternehmerin Susanne Schöning im Interview über Pionierarbeit in der Bio-Branche, neu gewonnene Freizeit und ihre Verzweiflung über Schleswig.

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27. Dezember 2017, 11:17 Uhr

Frau Schöning, Anfang dieses Jahres haben Sie Ihr Lebenswerk, die „Zwergenwiese“, verkauft. Haben Sie auch innerlich schon loslassen können?
Ja. Ich konnte mich auf meine Mitarbeiter verlassen, und viele kleine und auch große Entscheidungen haben sich aus einer gründlichen gemeinsamen Abwägung selbstredend ergeben. Die Firma lief wirklich sehr autark. Was mir allerdings fehlt, sind die feste Struktur des Tages, der Kontakt mit meinen Mitarbeitern und das morgendliche Käffchen zur Besprechung.

Der Verkauf der „Zwergenwiese“ kam für Außenstehende überraschend...
Für die Kunden kam das unerwartet, aber es war ja schon länger vorbereitet. Vor drei Jahren war erstmals ein Interessent auf mich zugekommen. Da fing ich an, darüber nachzudenken. Als dann ein weiterer Interessent hinzukam – die Firma „Rapunzel“, der spätere Käufer –, gingen die Verhandlungen relativ zügig und auch vertrauensvoll voran, sodass der Schritt zur Unterschrift dann auch nicht mehr so schwer gefallen war.

War Ihnen die Arbeit zu viel geworden?
Nein, ich war nicht überfordert. Es ist ja eher vieles leichter geworden. Aber irgendwann ist die Pionierarbeit auch vorbei. Als Pionierin habe ich gezeigt, dass man nicht immer nur Wurst und Käse aufs Brot nehmen muss, sondern dass es auch tolle kreative vegetarische Alternativen dazu gibt – und dass man diese auch nachhaltig, mit Rohstoffen aus der Region und mit Mitarbeitern aus der Umgebung herstellen kann. Mein Wissen und meine Erfahrung habe ich sowieso kontinuierlich, zum Beispiel bei einem Käffchen, einem Schwätzchen zwischen Tür und Angel oder auch zu anderen Gelegenheiten stets weitergegeben, sodass dann wirklich der Zeitpunkt kam, wo ich zufrieden feststellen konnte: So, und jetzt können andere weitermachen. Das ist nur folgerichtig und fühlt sich bis jetzt auch richtig an.

Ihre Arbeit ist mit viel Idealismus verbunden gewesen. Sind Sie dabei manchmal auch mit der rauen Realität der Wirtschaftswelt aufeinander geprallt?
Wenn Sie die 30, 40 Jahre zwischendrin ausblenden, dann prallt es aufeinander. Aber als ich mit 23 Jahren angefangen habe, da hat noch keiner Bio ernst genommen. Das war eine schöne, langsame Wachstumszeit, in der ich Schritt für Schritt mitlernen konnte. Die Liebe zur Natur hat mich angetrieben, dass die Erde gut behandelt wird und dass man mit gesunder Ernährung Krankheiten heilen oder vermeiden kann. Das war damals kaum jemandem bewusst. Heute gibt’s Bio bei Aldi. Wir sind damals, wie „Rapunzel“ auch, einfach losmarschiert und haben gemacht, was uns Freude und Zufriedenheit brachte und was wir für richtig hielten. Dass das mit harter Arbeit verbunden war, kann man sich vorstellen. Meine Handgelenke sind heute noch ziemlich kaputt, Stricken jedenfalls geht kaum noch.

Warum?
Das kommt vom vielen Zudeckeln. Wir haben früher alle Gläser von Hand abgefüllt, den Deckel genommen und zugedreht. Das haben wir jahrelang gemacht. Die Aufbauarbeit war richtige Knochenarbeit – auch nervlich. Als ich die erste Maschine für 80 000 Mark gekauft habe, habe ich Blut und Wasser geschwitzt. Eine Bank hat aber an uns geglaubt und gesagt: „Okay, ihr packt das.“

Sie sind doch bestimmt öfter belächelt worden.
Ja, in den ersten Jahren immer. Als Pionier muss man sich nicht wundern, wenn man belächelt wird. Das ist bei den Erfindern des Autos oder des Flugzeugs nicht anders gewesen. Man gewöhnt sich an diese Lästereien, und lässt sich nicht vom Weg abbringen. Natürlich höre ich mir andere Meinungen an, man kann stets dazulernen – aber mein Ziel lasse ich nicht aus den Augen.

Haben Sie Ihre Firma anders geführt, als es Männer tun?
(lacht) Ich habe keinen Führungskurs mitgemacht, deshalb weiß ich das nicht. Aber ich glaube, ich habe es einfach gut gemacht. Die Mitarbeiter waren zufrieden. Letztlich ist man als Frau ja auch Mutter. Und als Mutter sorgt man dafür, dass es den anderen gut geht und freut sich, wenn jeder in sein Potenzial hinein wächst.

Haben Sie das Gefühl, die Welt ein Stück besser gemacht zu haben?
Ich habe zusammen mit anderen Unternehmen die Branche mit aus dem Boden gestampft und Bio mit auf den Weg gebracht. Inzwischen plädieren sogar viele renommierte Wissenschaftler dafür, dass der Einsatz von Chemie, Ackergiften und die Ausbeutung von Grund und Boden nur einem kurzfristigen Profit dient und unsere Welternährung eher gefährdet als dass sie uns allen nützt. Es gibt sogar schon TV-Sendungen, in denen Ärzte über eine ausgewogene biologische, vegetarische Ernährung als ernst zu nehmenden Beitrag zur Gesundheit referieren. Von daher ist meine Mission gelungen.

Wissen Sie eigentlich etwas mit Ihrer neu gewonnenen Freizeit anzufangen?
(lacht) Zu Anfang wusste ich das nicht. Ich bin erstmal 14 Tage Fasten gewesen. Danach bin ich quasi etwas orientierungslos herumgeirrt. Dann bin ich meinem Stiefsohn auf die Nerven gegangen (Joscha Hofeldt, der auf der Schleswiger Freiheit das „Hotel Restaurant Strandleben“ eröffnet hat; Anm. d. Red.). Da habe ich dann zunehmend gelernt, mich rauszuhalten. Meine Tochter ist frisch verheiratet und junge Mutter, und sie will auch nicht immer meine Ratschläge hören. Also ist es für mich eine Zeit des Zurücknehmens. Aber ich habe festgestellt: Eigentlich ist das ganz komfortabel. In den letzten zwei, drei Monaten habe ich gemerkt, dass der Druck, der auf mir als Unternehmerin lastete, weg ist. Den hatte ich vorher gar nicht so richtig wahrgenommen. Ich genieße die jetzige Zeit. Aber: Einmal Unternehmer, immer Unternehmer.

Das heißt, wir dürfen von Ihnen noch etwas erwarten?
Das dürfen Sie. Ich habe noch ein paar Eisen im Feuer. Ich möchte noch einmal so in den „Flow“ kommen wie bei der „Zwergenwiese“. Ich bin damals absichtslos losgelaufen – und es ist immer das Richtige zur richtigen Zeit passiert. Jetzt fühle ich mich aufgefordert, Augen und Ohren offen zu halten, um zu erspüren, wo es als nächstes lang geht.

Haben Sie schon etwas erspürt?

Ich stochere hier und da rum. Da, wo ich dachte, das könnte etwas werden, kam keine Resonanz. Und da wo ich dachte: mal gucken – da kommt eine sehr starke Resonanz.

Und worum geht es?

Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht verraten, da bitte ich um Verständnis. Aber ich bin auch anderweitig engagiert.

Inwiefern?
Ich bin Patin des Vereins „Saat:gut“ in Esperstoft. Für den biologischen Landbau ist es sehr wichtig, biologisch wertvolles Saatgut zu züchten, das auch den Ansprüchen des modernen Bioanbaus genügt. Das ist ein sehr langwieriges, mühsames Geschäft. Wenn man beobachtet, mit wie viel Macht und Lobbyarbeit die Gentechnik mit staatlichen Subventionen vorangetrieben wird, da wird es höchste Zeit, biologisch gezüchtetes Saatgut und auch alte Obst- und Gemüsesorten zu kultivieren. Diese Initiativen unterstütze ich finanziell.

Ein anderes Kind von Ihnen ist der neue Schleswiger Stadtteil auf der Freiheit. Vieles ist dort nicht so geworden, wie Sie als Investorin es sich vorgestellt hatten. Haben Sie sich innerlich inzwischen gelöst von dem Projekt?

Ich habe bis zum Schluss immer wieder gehofft, dass die Einsicht einkehrt. Man hätte da wirklich viel draus machen können. Der erste Teil ist ja mit Bravour gelungen. Da, wo die gemeinschaftsbildenden Strukturen entstehen sollten, haben wir die Stadtväter allerdings nicht mitnehmen können. Leider! Es sind so viele Chancen ungenutzt geblieben. Mehr kämpfen als Volker (Volker Schlüschen, Geschäftsführer von der Entwicklungsgesellschaft Team Vivendi; Anm. d. Red.) kann man nicht. Was kommen wird, wissen wir nicht. Aber es wird dauern. Das ist immer so, wenn die Stadt etwas anpackt. Dafür gibt es genügend Beispiele. Also, ich habe mich innerlich verabschiedet von der Freiheit.


Ist denn das vor Kurzem eröffnete „Strandleben“ ein kleines Stück Genugtuung für Sie?
Genugtuung ist nicht das richtige Wort. Aber es ist uns gelungen, einen wunderschönen, magischen Platz für alle zu sichern. Es wäre schade gewesen, wenn das Objekt einem Abrissbagger zum Opfer gefallen und dort für Wenige Wohnungen gebaut worden wären.

Und wie sieht es mit Ihrem Kloster-Projekt am anderen Ende der Freiheit aus? Halten Sie daran weiter fest?
Das ist noch in der Warteschleife. Dafür ist die Zeit noch nicht reif.


Haben Sie denn Hoffnung, dass die Stadt gemeinsam mit der Gewoba Nord auf der Freiheit etwas hinbekommen wird, was zumindest ansatzweise noch Ihren ursprünglichen Vorstellungen entspricht?
Der Ursprungsgedanke hat sich aufgelöst. Die Gewoba wird so bauen, dass es sich für sie kaufmännisch rechnet. Das Theater soll ja auch kommen. Alles Weitere wird man sehen. Aber es berührt mich nicht mehr.

Freuen Sie sich, dass das Theater auf die Freiheit kommt?

Ehrlich gesagt bin ich keine Theatergängerin. Theater ist durchaus eine kulturelle Bereicherung, aber ich liebe eher die Unkrautkultur – das wilde Durcheinander, das kreative Moment. Ein Theater gab es in Schleswig vorher schon. Es ist keine zusätzliche Bereicherung für die Stadt, lediglich ein anderer Standort. Das wäre bei der Therme anders gewesen. Die hätte Aufenthaltsqualität geboten, zu einer Saisonverlängerung geführt und für mehr Tourismus gesorgt.

Der lange Kampf mit Verwaltung und Politik dürfte Sie viele Nerven gekostet haben.
Ja, das hat Nerven gekostet. Denk’ ich an Schleswig in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.

Glauben Sie, dass Sie Ihre Pläne in einer anderen Stadt eher hätten umsetzen können?
Eckernförde oder Husum sind unternehmerischer und zukunftsorientiert. Auch Flensburg scheint einen Plan zu haben. Aber Schleswig ist sehr stark rückwärts gerichtet, schaut zu viel in die Vergangenheit und macht sich steif, wenn es mal einen Schritt nach vorne geht. Die Stadt ist schon sehr anstrengend.

Haben Sie mal überlegt, sich politisch in der Stadt zu engagieren?

(lacht) Sie wollen, dass ich graue Haare kriege!

Dann könnten Sie etwas verändern.
Ich glaube, für einen Unternehmer ist Politik ähnlich schlimm wie ein Gefängnis.


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