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Musik am Telefon : Meeresrauschen und Schleswig-Song: Was Anrufer in SH in der Warteschleife erwartet

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Anrufer verbringen geschätzt über ein Jahr in ihrem Leben in der Warteschleife. Da muss die schon was bieten.

Schleswig | „Gedudel.“ So lautet des am häufigsten genutzte Wort, wenn man sich über Warteschleifen-Musik unterhält. Nun sind Warteschleifen an sich schon ein Ärgernis. Wie viel Lebenszeit Anrufer auf der Suche nach dem richtigen Ansprechpartner oder einer wichtigen Information vergeuden, ist wissenschaftlich nicht gesichert, Schätzungen gehen jedoch von durchschnittlich über einem Jahr aus.

Gefühlt ist das nicht übertrieben. Wer schon einmal minutenlang von einer elektronisch heruntergeklimperten Version von Beethovens „Für Elise“ gequält wurde, kennt auch das Gefühl steigenden Blutdrucks. Da hilft auch das regelmäßig eingestreute Versprechen wenig, der nächste freie Mitarbeiter werde sich kümmern. Man glaubt der Stimme nicht. Und es kommt auch schon mal Wut auf.

Dabei soll die Musik in den Warteschleifen ja eigentlich dazu dienen, dem wartenden Kunden so gut wie möglich die Zeit zu vertreiben und ihn auf das nachfolgende Gespräch vorzubereiten. Das gelingt zwar längst nicht immer, aber es gibt in der Region immerhin einige pfiffige Ideen.

Die Computer-Elise trieb ihr Unwesen einst auch in der Telefonanlage des Schleswiger Kreishauses. Dann hatte Willi Neu, der Leiter der Kreismusikschule, die Nase voll. Mit dem Cello-Ensemble der Schule nahm er sich das Stück „Le Phénix“ des französischen Komponisten Michel Corrette (1707-1795) vor, arrangierte es frisch, stimmte es auf die Anlage ab und schenkte das ganze Paket dem Landrat. „Das war noch Jörg-Dietrich Kamischke, der bis 2005 im Amt war“, berichtet Willi Neu. „Die Aufnahme landete dann aber wohl erst mal in der Schublade.“ Inzwischen ist Kamischkes Nach-Nachfolger Wolfgang Buschmann stolz auf die klassische Warteschleifen-Musik. Und Willi Neu freut sich über die frische, klassische Musik aus seiner Schule, die zudem keine Gema-Gebühren kostet.

Die Gema ist in allen Verwaltungen, Verbänden und anderen großen Organisationen ein Thema. Gut 155 Euro kassiert die Verwertungsgesellschaft jährlich für kostenpflichtige Warteschleifen-Musik für jeweils 30 Telefone. „Da kann man sich leicht ausrechnen, welche Summen für unsere rund 1500 Mitarbeiter zustande kommen, wenn wir nicht aufpassen“, sagte der Flensburger Stadtsprecher Clemens Teschendorf. Um nicht in die Kostenfalle zu tappen, geht die Stadt Flensburg, ebenso wie die Stadt Schleswig, auf Nummer sicher: Sie nutzt die Musik, die bei der Anschaffung der Telefonanlage mitgeliefert wurde. Die Garantie der Kostenfreiheit aber hat ihren Preis: In beiden Fällen handelt es sich um seichtes Gedudel – langweilige Einheitsmelodien, beliebig und ohne Aussagekraft über die beiden Städte.

Das sieht bei der Tourismus-Organisation Ostseefjord Schlei ganz anders aus. Dort hat man sich für eine minimalistische, aber einprägsame Lösung entschieden: Meeresrauschen, ein Schiffstyphon und Möwengeschrei. Da wird alles geboten, was die Touristen von der Region erwarten – auch wenn sich die Wellen eher nach Nordsee anhören. Einziges Manko ist hier die Länge der Einspielung von maximal fünf Sekunden. Danach gibt es vor der Wiederholung eine Pause mit mehrfachem Klacken, als würde jemand per Hand eine Kassette zurückspulen. Meeresrauschen und Möwengeschrei wirken wie abgewürgt.

Auch die Stadtwerke Schleswig haben sich etwas Besonderes einfallen lassen. „Wir haben bei Big Harry ein einfaches Lied über Schleswig in Auftrag gegeben, an dem wir auch die Rechte besitzen“, erklärt Stadtwerke-Chef Wolfgang Schoofs. Das bärtige Urgestein aus Angeln singt über „Schleswig, unsere Stadt“, eine Bootstour auf der Schlei, den Dom, Wikinger und das gute Bier. Ein simples Lied, das Spaß macht und enorm viel Lokalkolorit verströmt.

Richtig Stimmung macht die Warteschleife der Tourismus-Agentur Flensburger Förde. Die Band „Kompliment“ tritt hier mit einer rockigen Liebeserklärung an Schleswig-Holstein auf: „Die Leute sind lässig, der Wind weht stark hier bei uns zwischen Hamburg und Dänemark. Willst Du mal wieder Urlaub machen, hören wie die Möwen lachen? Pack Deine Sachen ein und komm nach Schleswig-Holstein.“ So macht sogar eine Warteschleife Spaß. Und der Anrufer hofft, dass der nächste Mitarbeiter nicht so bald für ihn bereit ist.

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erstellt am 04.Jun.2016 | 16:44 Uhr

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