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Schleswiger Nachrichten

20. Oktober 2017 | 00:50 Uhr

„Mausi“ weckt Erinnerungen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der wöchentliche Kontakt mit einem Pferd bringt das Gedächtnis einer dementen Seniorin auf Trab

Der Anblick von Reittherapiepferd „Mausi“ zauberte ein Lächeln in das Gesicht der 75-jährigen Fahrdorferin Astrid Hauser*. Dass die Bewohnerin des DRK-Alten- und Pflegeheimes immer einen knackigen Apfel in der Jackentasche hat, das hat sich die Norweger-Mix-Stute längst gemerkt. Für die Seniorin ist der Besuch jedoch immer wieder neu, immer wieder spannend und immer wieder aufregend zugleich, denn im Hier und Jetzt bestimmt das „Vergessen“ ihr Leben. Sie leidet an Altersdemenz – wie rund eine Million Menschen in Deutschland. Beide, Pferd und Mensch, profitieren von der wöchentlichen Begegnung, die ihnen so viel Nähe, Wärme und Zuwendung beschert. Sanfte Berührungen des Pferdes bedeuten dabei viel mehr als nur die Streicheleinheit – denn sie können Erinnerungen wecken – aus der Vergangenheit und der Gegenwart.

Als Reittherapeutin ist Gislinde „Gisi“ Cramer aus Fahrdorf täglich damit beschäftigt, ihrem Pferd und dem Menschen eine angenehme Begegnung zu bereiten – ohne Stress und Hektik, versteht sich, denn eine schlechte Stimmung würde sich sofort auf beide übertragen. Doch „Mausi“ bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Einfühlsam und mit ruhigen Worten lenkt Cramer Ross und Reiter, die scheinbar mit einem unsichtbaren Band verbunden sind. „Wie angenehm“, sagt die Reiterin und lächelt. Im Sattel sitzend nimmt sie die Wärme und die Bewegungen des Pferdes wahr – und beginnt zu erzählen.

Da sind sie, die Erinnerungen der Kinder- und Jugendzeit, die von den Pferden aus dem Reitstall von Schloss Gottorf handeln, den Erfolgen auf Turnieren mit der gespannenten Erwartung auf die anschließende Berichterstattung und dem Foto in der Zeitung. Die Worte sprudeln nur so heraus, blieben sie doch so lange ungesagt. „Mausi“, Gisi Cramer und die Beschäftigungstherapeutin Inka Reimer werden dann ganz still und hören einfach zu. Nach einer Stunde heißt es wieder Abschied nehmen, aber vorher den Apfel nicht vergessen. „Die Pferde vergisst man nicht“, sagt die Seniorin, während sie „Mausis“ Mähne behutsam berührt. Und da war es wieder zu sehen, das Lächeln und das Funkeln ihrer Augen.

*Name geändert

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