Reformationsbotschafterin : Margot Käßmann in Schleswig: Der Kirchen-Star füllt den Dom

Margot Käßmann, bekannteste Theologin Deutschlands, auf der Domkanzel.
1 von 2
Margot Käßmann, bekannteste Theologin Deutschlands, auf der Domkanzel.

Margot Käßmann predigte am Sonntag zum Gedenken an den Theologen Heinz Zahrnt. Mehr als 500 Zuhörer kamen.

23-1861494_23-57514930_1396259902.JPG von
01. Juni 2015, 07:57 Uhr

Schleswig | Die Gedenkfeier im Dom, die am Sonntag zu seinen Ehren stattfand, hätte Heinz Zahrnt vielleicht auch selbst gefallen: die Predigt der bekannten Reformationsbotschafterin Margot Käßmann, die vielen Worte der Wertschätzung ihm gegenüber. 100 Jahre alt wäre Zahrnt, der bundesweit bedeutsame theologische Schriftsteller, gestern geworden. Er starb 2003 in Soest, seine Laufbahn hatte er einst in Schleswig als Pfarrer an der Michaeliskirche begonnen. Aus Anlass seines Geburtstages nun hat Margot Käßmann ein Buch mit theologischen Texten von ihm herausgegeben unter dem Titel „Gott kann nicht sterben“. Dass das Buch am Sonntag im Dom erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden konnte, hatte Sohn Thomas Zahrnt, der seit Jahrzehnten in Schleswig kirchlich tätig ist, gemeinsam mit Domprediger Joachim Thieme-Hachmann in die Wege geleitet. Mit 200 Besuchern hatte man zuvor gerechnet, tatsächlich aber war der Dom mit mehr als 500 Gästen bis auf den letzten Platz besetzt.

Die Buchpräsentation mit dem Verkaufsstart in Schleswig war brandneu, so neu, dass Margot Käßmann sagte: „Ich habe selbst noch nicht einmal ein Exemplar in die Hand bekommen.“ Bei der Matinee im Anschluss an den Gottesdienst standen Besucher Schlange, um sich das Buch von ihr signieren zu lassen. Überhaupt war während des Gottesdienstes spürbar, dass die ehemalige Landesbischöfin von Hannover und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) auch im Dom eine Art Magnetwirkung auf die Zuhörer entfaltete – dazu trägt offenkundig Käßmanns menschliche Präsenz und ihre flotte, von Pathos befreite Sprache bei. So versteckt sie ihre Thesen und Meinungen nicht hinter kirchlicher Terminologie – und auch Humor darf sein, wie sich in ihrer Predigt zeigte.

Inhaltlich ging es um das so genannte Nikodemusnachtgespräch. Die mögliche Angst vor der Schwere und Tiefgründigkeit dieser biblischen Materie nahm Käßmann den Zuhörern gleich vorweg von der Seele, indem sie sagte: „Wenn Sie bei der Evangelienlesung eben gedacht haben: Puh, das ist mir zu komplex, zu schwer, dann kann ich Sie beruhigen.“ Nämlich damit, dass selbst manche Kirchen-Insider ihre Mühe hätten, sich des Themas mehrdimensional zu nähern. Immer wieder zog Käßmann die Verbindung zu Heinz Zahrnt. „Er war mein Freund, Wegweiser und Glaubenslehrer in theologischen Fragen.“ Dies sei nicht immer so gewesen. Schmunzelnd sagte sie, dass Zahrnt bisweilen auch stur sein konnte, etwa bei dem Thema feministische Theologie. Käßmann: „Wenn es darum in den Präsidiumssitzungen des Kirchentages ging, feixte er oftmals und zeigte sehr deutlich, was er für Unsinn hielt.“

„Große Skepsis“ gegenüber Theologinnen in Kirchenspitzenämtern habe Heinz Zahrnt gehabt – auch ihr gegenüber, berichtete sie. Damals, als sie zur Generalsekretärin gewählt worden war, habe er sie seine Zweifel zunächst spüren lassen. Doch im Laufe vieler Gespräche und Treffen habe man zu einer engen Freundschaft gefunden. Und kurz vor seinem Lebensende hatte er dann Margot Käßmann gebeten, den Trauergottesdienst für ihn zu halten. „Ich habe das als Auszeichnung empfunden.“ Mit der Familie Zahrnt fühle sie sich bis heute eng verbunden.

Nach wie vor gilt Käßmann als bekannteste und wohl auch beliebteste Theologin Deutschlands, gewissermaßen als das Gesicht der evangelischen Kirche, das die Massen anzieht. Auf ihrem Weg als Theologin habe Zahrnt ihr mit seinen Schriften sehr geholfen, Zusammenhänge zu begreifen, erklärte sie. Sein wohl berühmtestes Buch „Die Sache mit Gott“ habe sie und viele ihrer Berufskollegen stark beeinflusst.

Heinz Zahrnt hatte in seinem theologischen Wirken für Schlichtheit und Einfachheit gestanden. „Er hat stets gerungen um die richtigen Worte, und so entstanden wunderbare sprachliche Bilder.“ So habe Heinz Zahrnt geschrieben: „Wohin Gott uns durch den Tod führt, bleibt ein Geheimnis. Mit einem Geheimnis aber kann man leben, wenn man Vertrauen hat.“ Wer bisher nur wenig oder gar nichts über Heinz Zahrnt gewusst hat: Die Gedenkveranstaltung im Dom hat sicherlich dazu beigetragen, daran etwas zu ändern.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen