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Brieftauben-Züchter : „Man entwickelt eine ganz besondere Beziehung“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Am Sonnabend treten 1500 Brieftauben in Lüneburg den Heimflug gen Norden an. Günter Feddersen aus Kappeln züchtet die Tiere seit mehr als 50 Jahren.

shz.de von
erstellt am 22.Aug.2015 | 01:00 Uhr

Heute Morgen wird Günter Feddersen in Kappeln am Telefon sitzen und sagen: Los geht’s! Zeitgleich werden in Lüneburg die Klappen am Spezial-Lkw hochgehen – das ist das Startzeichen für gut 1500 Tauben, sich in die Lüfte zu schwingen. Die Züchter der Brieftauben-Reisevereinigungen Flensburg Weding, Kappeln und Schleswig lassen ihre Jungtiere dort bei einem so genannten Taubenauflass frei, um zu sehen, welche am schnellsten den Weg nach Hause findet.

Günter Feddersen, Vorsitzender des Kappelner Vereins, ist Flugleiter der Aktion und guter Dinge. Die Wetteraussichten sind rosig. „Das ist wichtig, denn die Tauben orientieren sich bei ihrem Rückflug an der Sonne“, sagt der gebürtige Flensburger, der heute in Kappeln 70 Tiere, davon 25 Jungtiere, sein eigen nennt, für die der Handwerksmeister die Taubenschläge selbst baute. Mit 18 Jahren, als er mit seinem Taschengeld für den Unterhalt der Tiere aufkommen konnte, erlaubte ihm seine Mutter, es seinem großen Bruder gleichzutun, der bereits Tauben hielt, und sich auch die ersten Tiere anzuschaffen.

Mit einem Lkw, der nach Angaben von Feddersen maximal 3800 Tauben fasst, sind die 1500 Vögel aus dem Norden gestern Abend nach Niedersachsen transportiert worden. Heute zwischen 7 und 7.30 Uhr werden sie in die Freiheit entlassen, und dann gilt es für die Jungtiere, von denen die meisten im März und April dieses Jahres geboren worden sind, den Heimweg zu finden. Anders als die Alttiere werden sie dabei noch nicht von der Sehnsucht nach ihren im heimischen Taubenschlag zurückgebliebenen Partnern getrieben, sondern vor allem von ihrem Hunger und natürlichem Instinkt. Dass sie den Weg nach Hause finden, „ist ihnen angeboren“, sagt Feddersen.

Tierschützer gehen bei der Brieftaubenzucht als Hobby auf die Zinne. Vanessa Reithinger von Peta Deutschland spricht von einem Missbrauch der Treue der Tiere. Es stehe der Leistungsgedanke, nicht das Wohlbefinden der Tauben im Vordergrund. Offizielle Zahlen zur Sterberate seien zwar nicht bekannt, heißt es in einer Peta-Mitteilung, aber Angaben der tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz zufolge sollen selbst Taubenzüchter davon ausgehen, dass bis zu zehn Prozent der Vögel nicht am Ziel ankommen, heißt es dort weiter.

Feddersen, der als Flugleiter verantwortlich dafür ist, „dass alle nach Hause kommen“, betont, dass sich die Züchter an die vom Tierschutz vorgegebenen Richtlinien halten. „Es kann leider passieren, dass eine Taube es nicht schafft. Es kann natürlich sein, dass sie irgendwo gegen fliegt oder dass ein Greifer sie erwischt.“ Zum Beispiel Habicht und Sperber würden in der Zahl immer mehr werden, beklagt der Taubenzüchter, aber er betont auch, dass bei seinen 13 Touren mit insgesamt 350 Tieren in diesem Jahr „nur drei Tiere nicht zurückgekommen sind“.

„Man entwickelt eine ganz besondere Beziehung zu den Tauben“, sagt der 70-Jährige, der einer der jüngsten unter den zwölf Züchtern im Kappelner Verein ist. Man könne auf gewisse Art und Weise sogar mit ihnen kuscheln, und seine Tauben würden sich auch gerne, wenn er ihre Unterkünfte putze, bei ihm auf Schultern und Nacken setzen und an seinen Ohren knabbern. Trotzdem sei es für den Verein schwer, Nachwuchs zu finden. Auch der eigene teile nicht die Leidenschaft des Vaters – sicher auch, weil die Brieftaubenzucht eine zeitfressende Angelegenheit ist, meint Feddersen. „Von April bis September ist jedes Wochenende verplant“, sagt er, und die tägliche Pflege – das Füttern, Putzen und Trainieren der Tiere – sei sehr arbeitsaufwendig. Zweimal am Tag, morgens und abends, lasse er seine Tauben zum Trainieren eine Stunde frei fliegen, während er zeitgleich ihre Ställe sauber mache.

Wenn Günter Feddersen heute das Startsignal gegeben hat, wird er erstmal die anderen Züchter informieren, dass der Start geglückt ist, und seinen Berichterstattungspflichten für den Verband nachgehen. „Dann laufe ich den Garten hoch und runter und warte auf meine Tauben. Das ist nervenaufreibend.“ Mit ihrer Ankunft, rechnet der Kappelner gegen 9 Uhr. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit der Tiere von 80 bis 90 km/h geht er von gut zwei Stunden Flugzeit für die gut 165 Kilometer gen Norden aus. Und wenn er feines Gurren und leichten Flügelschlag vernimmt, ist er froh, dass seine Tauben wieder nach Hause gekehrt sind.

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