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Schleswiger Nachrichten

20. August 2017 | 12:09 Uhr

Mahnmal für 705 getötete Patienten

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Gedenkveranstaltung in der Fachklinik: Am 14. September 1944 wurden Patienten der Heilanstalt durch die Stadt getrieben und deportiert

Damals werden es viele Schleswiger gehört haben: das Klappern der Holzschuhe auf dem Kopfsteinpflaster, vom Gallberg bis zum Kreisbahnhof. Es war am Abend des 14. September 1944, als 705 Patienten der Heil- und Pflegeanstalt am Stadtfeld und am Hesterberg quer durch die Stadt getrieben wurden. An ihren Füßen trugen sie Holzschuhe, und ihre Bewacher führten sie zum Abtransport nach Meseritz-Obrawalde in die pommersche „Landesheilanstalt“. Dort erwartete sie der Tod. Sie wurden ermordet.

Mit einer Gedenkveranstaltung zur 69. Wiederkehr dieser Deportation in Schleswig hat die Helios-Fachklinik am Wochenende der 705 Opfer und ihrer Familien gedacht. Zu ihrem Gedenken wurde ein Mahnmal der Künstlerin Jutta Reichelt enthüllt, das sich in seiner anschaulichen Symbolik an den Entwurf der ehemaligen Lornsenschülerin Marietta Hausmann anlehnt. Das Mahnmal befindet sich auf einer Anhöhe gleich neben dem Psychiatriegebäude auf dem Stadtfeld.

Es ist ein berührendes Mahnmal. Es lässt künstlerische Abschweifungen und Verfremdungen außen vor und weist mit drei Symbolen auf den Deportationszug vom 14. September zum Schleswiger Bahnhof hin: Mit der behinderten Frau, die vor dem Betrachter zu gehen scheint und sich dabei auf eine Gehhilfe stützt und den Holzschuhen an ihren Füßen. Die Bahnschiene versinnbildlicht den Menschenzug zum Bahnhof, von dem aus der Weg zum Vernichtungslager führte. Eingefasst ist das Bild wie auf einem Grabstein.

Zu der Gedenkveranstaltung hatten Florian Friedel, Geschäftsführer der Helios-Klinik Schleswig, und Dr. Arndt Michael Oschinsky, Chefarzt und Ärztlicher Direktor der Fachklinik, eingeladen. Landrat Dr. Wolfgang Buschmann hielt eine „Rede gegen das Vergessen“. Er sagte: „Die Psychiatrie im Nationalsozialismus gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Geschichte in Deutschland.“ Die unmenschliche Rassenideologie der Nazis habe zum millionenfachen Mord an sogenanntem „unwerten Leben“ geführt. Jüdische Mitbürger und Menschen, die einer Minderheit angehörten, sowie Kranke und Behinderte seien getötet worden.

Bereits kurz nach Beginn der NS-Herrschaft hatten auch Schleswiger Ärzte damit begonnen, ihre Patienten zwangsweise zu sterilisieren. Sie handelten auf der Grundlage eines „Erbgesundheitsgerichts“ der Nationalsozialisten. Zu den wenigen Überlebenden der Vernichtungsanstalt Meseritz-Obrawalde gehörte der im Jahre 1915 geborene Fritz Niemand, der als 19-jähriger in die Heil- und Pflegeanstalt Schleswig eingewiesen und dort ebenfalls sterilisert worden war. Seine Erinnerungen hat er später in einem Buch zusammengefasst. In diesem Jahr ist Fritz Niemand mit 96 Jahren in Rendsburg verstorben (sein Buch ist bei Inke Asmussen, Helios-Klinik, erhältlich).

Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkveranstaltung vom Duo Schmarowotsnik aus Eckernförde mit jüdischer Klezmer-Musik.

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erstellt am 17.Sep.2013 | 00:36 Uhr

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