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aus dem „Zisch“-Projekt : Mads ist immer ein kleiner Gentleman

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

14-Jähriger besucht die Peter-Härtling-Schule für Geistigbehinderte – dort wurde er jetzt einen Tag von seiner Schwester Ennie begleitet

shz.de von
erstellt am 06.Feb.2015 | 07:49 Uhr

Mads baut sich seine eigene Welt zusammen. Und so habe ich ihn gern. Mein Bruder Mads hat das Down-Syndrom. Er ist 14 Jahre alt – zwei Jahre älter als ich. Er hat einen Sprachfehler und ist daher schwer zu verstehen, aber wenn man mit ihm aufwächst, ist es gar nicht so schwer. Meine Eltern fragen mich manchmal, ob ich verstünde, was er sagt, und so spiele ich des Öfteren Übersetzerin.

Zusammen mit meinen Freundinnen Nele (13) und Emma (12) begleite ich Mads für einen Tag, denn auch für mich ist es interessant zu sehen, ob er in der Schule genauso ist wie zu Hause. Mads wird morgens um etwa 8.10 Uhr direkt vor der Haustür mit einem kleinen Bus abgeholt. Seine 100 Mitschüler werden ebenfalls von verschiedenen Kleinbussen abgeholt und zur Schule gefahren. Um 8.30 Uhr geht dann der Unterricht an der Peter-Härtling-Schule los. Die Schule liegt am Holzredder, gleich hinter der Dannewerkschule. Emma, Nele und ich sind schon da und gehen mit Mads in seine Klasse und setzen uns mit ihm in den Morgenkreis. Dort werden wir freundlich von seinem Klassenlehrer Herrn Gräfingschulte begrüßt. In Mads Klasse sind neun Schüler, ein Lehrer, zwei Sozialpädagogen und eine Praktikantin.

Nachdem die Schüler erzählt haben, was sie gestern unternommen hatten und wir uns vorstellten, geht der Kurs los, in dem die Schüler verschiedene Aufgaben zum Lesen und Rechnen bearbeiten sollen. Wie zum Beispiel Silben lesen, Plusaufgaben lösen oder Vor- und Nachgänger bestimmen. Wir dürfen den Schülern dabei helfen. Während Nele und ich mit zwei Klassenkameraden von Mads Lesen üben, hilft Emma Mads beim Rechnen. Doch er ist heute etwas abgelenkt, da er lieber mit uns spielen möchte als lernen. Am Ende des Kurses bespricht die Klasse, wie ordentlich, mit welcher Hilfe und wie viel die einzelnen Kinder gearbeitet haben. Dann wird gefrühstückt, nachdem jeder seinen Tischdienst erledigt hat. Mads soll die Teller auf dem Tisch verteilen und das Besteck hinlegen. Die Praktikantin stellt mit einem Mädchen das Essen auf den Tisch und ein Junge schneidet Gemüse. Nach dem Frühstück gehen alle nach draußen. Mads stellt uns seine Freunde vor und wir spielen zusammen.

Obwohl Menschen mit Down-Syndrom oft sehr glücklich und liebenswürdig sind, können sie auch schnell mal beleidigt sein. Aber Mads ist sehr hilfsbereit und sowieso immer ein kleiner Gentleman. Aber dass er heute besonders fröhlich ist, liegt einerseits daran, dass wir ihn zur Schule begleiten und andererseits steigt in der Schule eine Übernachtungsparty, auf die er sich sehr freut. Es gongt zum Pausenende und Mads hat nun Sport. Heute geht seine Klasse spazieren.

Mads braucht keine Betreuung, die rund um die Uhr auf ihn aufpasst, doch mehrfach behinderte Kinder benötigen jemanden, der ständig für sie sorgt. Mads, der bis vor Kurzem integriert in einer Fußball-Mannschaft gespielt hat, spielt auch gern mit Pferden. Andere 14-jährige Jungen haben zu so etwas keine Lust. In der Schule von Mads geht es anderen Kindern genauso, dort ist es okay. Jeder so, wie er möchte und kann. Die Schüler lernen viel durch Angucken und Ausprobieren, damit sie zum Beispiel Funktionen sehen und besser verstehen können.

An dieser Schule wird keine höhere Mathematik oder Kunstgeschichte gelehrt. Die Schüler sollen hier so weit vorbereitet werden, dass sie im späteren Leben möglichst für sich selbst sorgen können. Die Schule hat besondere Räume, wie den Sand- und Wasserraum, in dem es ein kleines Schwimmbecken und eine Sand-Ecke gibt. In einem weiteren Raum befindet sich ein Wasserbett und der Boden ist mit Matratzen ausgelegt, es gibt Lichter und Entspannungsmusik. Die Schule verfügt auch über ein Bälle-Bad und einen Raum zum Toben, es gibt einen Kunstraum, einen Musikraum, eine Küche und eine Werkstatt. Nachmittags werden verschiedene Arbeitsgemeinschaften angeboten, wie zum Beispiel Fußball, Tanzen oder Kochen. Da ist für jeden Schüler etwas dabei.

Mads versteht, dass er an einer besonderen Schule ist, aber dass er das Down-Syndrom hat, weiß er nicht. Mads ist der Meinung, dass er keine Behinderung hat. Er ist immer sehr glücklich, wenn der 20-jährige Birger vom FED (Familienentlastender Dienst) mit ihm spielt, etwas mit ihm unternimmt oder nur auf ihn aufpasst. In mancherlei Hinsicht ist Birger wie ein großer Bruder für Mads und für mich geworden. Außerdem hat Mads noch einen Freund, der zwölf Jahre alt ist, er unternimmt gerne was mit Mads und spielt mit ihm Fußball. Die beiden verstehen sich gut. Erik ist es egal, dass Mads das Down-Syndrom hat. Für ihn ist Mads einfach ein besonderer Freund. Aber Mads hat auch eine gute Freundin, die ebenfalls das Down-Syndrom hat. Sie gehen auf die gleiche Schule und können zusammen unheimlich viel Spaß haben.

Mads ist mal laut, mal leise, mal froh, mal traurig und die Menschen in seinem Umfeld respektieren ihn so wie er ist. Wir wünschen uns, dass jeder respektiert wird und dass jeder auf jeden Acht gibt. Jeder kann zur Inklusion beitragen, indem er Menschen respektiert. Denn so ist ein Leben mit Einschränkung auch nicht schwer. Inklusion kann nicht nur bei der Arbeit, im Verein oder in der Schule stattfinden. Man soll auch innerlich dabei sein, denn nur was von innen kommt, kann nach außen wirken.

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