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Schleswiger Nachrichten

24. Oktober 2017 | 02:35 Uhr

Windkraft : Lindewitt – ein Dorf im Aufwind

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Am Dienstag veröffentlicht das Land seine Regionalplan-Entwürfe für den Ausbau der Windkraft. Wie lebt es sich mit Rotoren und Rendite? Auf Spurensuche im Norden.

von
erstellt am 05.Dez.2016 | 14:05 Uhr

Gerda Jensen* blickt wehmütig aus dem großen Wohnzimmerfenster. Die mächtige Buche im Garten hat das letzte Laub abgeworfen, der Asphalt auf der schmalen Straße jenseits der Staudenhecke glitzert feucht im Sonnenlicht. Ein strammer Westwind wirbelt Blätter durch den Garten, der so idyllisch und wunderbar eingewachsen das Haus der Jensens umschließt. Eine ländliche Bilderbuch-Idylle, die Familie Jensen so gern genießen würde. Doch der Fortschritt hat Einzug gehalten im Dorf. Hinter Buche, Hecke und dem Acker auf der anderen Straßenseite ragt seit einigen Monaten eine Phalanx von Windkraftanlagen in den Himmel. Seitdem fühlen sich die Jensens heimgesucht – von dauerhafter Bewegung, den latent durch den Garten wischenden Schatten der Flügel der großen Anlagen, dem Surren der Rotoren und den roten Blinklichtern, die abends permanent im Augenwinkel erscheinen, wenn die Familie im Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzt.

Gerda Jensen wohnt schon eine Ewigkeit in Lindewitt. Sie hat den Windkraft-Boom der vergangenen Jahre hautnah miterlebt, erinnert sich gut an die erste Anlage, die innovative Landwirte auf eigenes Risiko errichteten und mit einem Fest für die Nachbarn einweihten. Zwischenzeitig drehten sich mehr als 60 Windräder auf der Gemeindefläche. Nur dank des Repowering ist diese Zahl wieder auf 49 gesunken. Dafür sind die Rotoren rasant in die Höhe gewachsen – zum Ärger der Jensens und einiger anderer Bürger, die von den kleineren Anlagen weniger zu sehen bekamen, weil sie sich auf die Entfernung noch hinter Wald oder Knick versteckten. Für die meisten der knapp 2000 Bürger der Gemeinde gehören die Rotoren allerdings zum Alltag, und viele von ihnen leben damit ganz gut.


Der Spargelwald verliert seinen Schrecken


Wer sich Lindewitt von der Autobahn über die Bundesstraße 200 nähert, der denkt zwar zunächst, er fahre in einen Spargelwald, so massiv zeichnen sich die Windparks gegen den weiten Horizont im Westen ab. Doch je näher man kommt, desto mehr Windkraftanlagen verschwinden aus dem Blickfeld. Es ist ein wenig wie bei Jim Knopf – der Scheinriese Herr Tur Tur wird immer kleiner, je näher man ihm kommt. Lindewitt besteht aus weit auseinander liegenden Ortsteilen, die zum Teil durch den Lindewitter Forst voneinander getrennt sind – eine durchaus wirksame Barriere für Schattenwurf und Rotorengeräusche. Der Spargelwald verliert so für viele seinen Schrecken. Wer in Sillerup wohnt, bekommt von den Rotoren in Linnau nichts mit. Kleinwiehe, Lüngerau und Riesbriek sind ebenfalls weitläufig. Insgesamt verteilt sich die Ökostrom-Produktion über wenige Hotspots auf rund 53 Quadratkilometer Gemeindefläche. Das macht den Leidensdruck für die meisten Lindewitter deutlich erträglich. Und etwas Weiteres kommt hinzu. Es gibt kaum Bürger, die nicht direkt oder indirekt an der Windkraft mitverdienen.

Als die Gemeinde im November 2011 zu einer Einwohnerversammlung geladen hatte, um ihre Pläne einer Bürgerbeteiligung an der Erzeugung von Windstrom vorzustellen, musste die Sporthalle der Schule am Wald bestuhlt werden, so groß war das Interesse – oder auch die Skepsis – der Lindewitter, die bereits vier Windkraftflächen auf Gemeindegebiet hatten. Was dann vom Geschäftsführer der eigens gegründeten Bürgerwindkraft Lindewitt GmbH, Albert Jürgensen, vorgestellt wurde, schien den Nerv der Bürger zu treffen.

Zwar gab es nach den Vorgaben der Regionalplanung keine Chance, im großen Stil weitere Windkraft-Flächen auszuweisen, und genau das wollte die Gemeindevertretung auch verhindern. Aber beim Repowering sollten die Bürger dabei sein, damit alle vom Ökostrom-Boom profitieren. Zum Start wurde mit den Altbetreibern des Windparks Linnau eine Einigung erzielt. Die Bürgergesellschaft sollte in leistungsstärkere Anlagen investieren und dafür an den Erlösen der Mehrleistung zu 50 Prozent teilhaben. Für jeden, der Geld investiert, sollte eine Rendite von acht Prozent dabei herausspringen. Ein Angebot, das zog. Neben den eigentlichen Windmüllern sind inzwischen gut 400 Bürger als Kommanditisten an den Windparks in Lindewitt beteiligt.

Die Gemeinde hatte mit der Bürgerwindpark-Gesellschaft auf die schwindende Akzeptanz in Lindewitt reagiert und zugleich ein Regulativ für die weitere Entwicklung geschaffen. Wildwuchs auf Gemeindegebiet galt es damals zu verhindern, und außerdem ärgerte man sich darüber, dass man auf die Ansiedlung von mehr als 60 Anlagen keinen Einfluss nehmen konnte und zudem die Bürger nichts davon hatten. „Das wollten wir nicht mehr“, sagt Wilhelm Krumbügel, der in Lindewitt ein Kinderhaus betreibt und seit 2013 Bürgermeister ist.

Also wurde in der Politik die Idee der Bürgerbeteiligung geboren. Druck wurde zudem aufgebaut: Bebauungs- und Flächennutzungspläne wurden von der Gemeindevertretung so geändert, dass ein Repowering durch die Altbetreiber nur unter Einbeziehung der neu gegründeten Gesellschaft möglich ist. „Wir wollten denen nichts wegnehmen“, sagt Bürgerwindkraft-Lindewitt-Geschäftsführer Albert Jürgensen, „aber alle sollten zukünftig profitieren. Das sollte eine Geschichte auf Augenhöhe werden.“


Mehr Gewerbesteuer – mehr Gestaltungsmöglichkeiten


Heute liefern die Lindewitter Windriesen zusammen so viel Strom wie in keiner anderen Gemeinde im Kreis Schleswig-Flensburg. Das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) spricht von rund 121000 Kilowatt (121 Megawatt) installierter Leistung, allerdings zu Zeiten, als noch die alten Rotoren in Lindewitt drehten, also vor dem Repowering. Die tatsächliche Leistung sollte also noch deutlich höher sein. Das wirkt sich unmittelbar auf die Kasse der Gemeinde aus – denn eine Faustregel besagt, dass etwa 20 Prozent der Gewerbesteuereinnahmen nach Abzug aller kommunalen Umlagen im Dorf bleibt. Im Jahr 2006 lag das jährliche Gewerbesteueraufkommen der Gemeinde bei 323  000 Euro, seit 2013 immer durchgehend bei rund 700  000 Euro – „davon sind zwei Drittel bis drei Viertel aus der Windkraft“, freut sich der Bürgermeister. Und sein Finanzausschuss-Vorsitzender – Bürgerwindkraft-Geschäftsführer Albert Jürgensen – ist guten Mutes, dass das nicht das Ende der Fahnenstange ist. „Wir erwarten noch einen deutlichen Schritt nach oben“, sagt er, denn erst ein kleiner Teil der Repowering-Gewinne ist bislang eingepreist.

Lindewitt geht es gut, sagt der Bürgermeister, der die Gemeinde für eine Wählergemeinschaft führt und für die FDP im Kreistag sitzt. Wie andere Gemeinden im ländlichen Raum hatte auch Lindewitt eine Schule, die sich, was die Schülerzahlen betrifft, im Sinkflug befand. Die Gemeinde konnte es sich leisten, zu investieren. Für 1,24 Millionen Euro wurde die Schule mit dem bestens ausgelasteten Kindergarten zusammengelegt. Ein Teil wurde gefördert, ein Teil der Investitionssumme vorfinanziert. Die Windkraft hilft in solchen Fällen, die Rücklage wieder aufzufüllen, so Krumbügel, der den finanziellen Gestaltungsspielraum mit seiner Gemeindevertretung voll ausnutzt.

So plant die Dorfpolitik derzeit mit der Nachbargemeinde Großenwiehe einen neuen Bauhof und einen neuen Standort für die Zusammenlegung dreier Feuerwehren. Auch das Naturschwimmbad (Jahreskarte für Kinder: 7,50 Euro) muss ausgebaggert werden. Bereits 2012 realisierten die Lindewitter mit der Nachbargemeinde die gemeinsame Wohnanlage „Aktiv Senior“, die es den Älteren ermöglicht, ihren Lebensabend in gewohnter Umgebung zu verbringen. „Wir sind finanziell gut aufgestellt und innovativ, weil wir in die Daseinsvorsorge investieren und gestalten“, sagt der 53-Jährige, der mit seiner Familie selbst 1990 aus Flensburg nach Lindewitt gekommen ist, weil ihm die Nähe zur Stadt und die ländliche Idylle mit Kita, Schule und Sportverein um die Ecke ideal erschien, um seinen eigenen Sohn behütet aufwachsen zu lassen und seine Idee eines Kinderhauses zu realisieren.


Nur ein Gemeindevertreter war nicht befangen


Selbst ist er nicht an der Bürgerwindparkgesellschaft beteiligt. Das wäre mit seinem Amt als Bürgermeister nicht vereinbar, sagt er. Dabei huscht ein Schmunzeln über sein Gesicht, denn das Thema Befangenheit hat so mancher Gemeinderatssitzung der Vergangenheit einen Stempel aufgedrückt. Wenn die 17 Gemeindevertreter der letzten Wahlperiode (2008 bis 2013) zusammenkamen und das Thema Windkraftplanung eine Rolle spielte, mussten alle, die inzwischen selbst daran verdienten, den Raum verlassen. Es blieb nur noch ein Gemeinderatsmitglied übrig, erzählt Krumbügel. Deshalb wurde in solchen Fällen ein Beauftragter bestimmt, der die befangenen Gemeindevertreter vertritt, wenn es um die notwendigen Pläne der Gemeinde ging. Das war dann der CDU-Ehrenkreisvorsitzende Thomas Lorenzen aus dem benachbarten Meyn, der mit dem letzten verbliebenen Gemeindevertreter entschied. Seit der Wahl 2013 bleiben drei Gemeinderatsmitglieder übrig, mit denen Krumbügel entscheidet. „Wir sind zu viert – das sind 400 Prozent mehr als in mancher Gemeinde in Nordfriesland“, lacht er.

In Lindewitt glauben viele Menschen an die Windkraft als Energiequelle der Zukunft. Mehr als drei Millionen Euro haben sie bereits in die Bürgerwindkraft Lindewitt investiert, um einen Beitrag zur Energiewende zu leisten und selbst davon zu profitieren. Wenn das Land morgen seine neuen Regionalplan-Entwürfe mit Windeignungsflächen zur Diskussion stellt, dann wird es in vielen Orten kontroverse Diskussionen geben. In Lindewitt hingegen sind die Weichen längst gestellt: Mehr Spargel wird es nicht geben, höchstens leistungsstärkere. Für die Jensens ein schwacher Trost. „Wir sind gar keine Gegner der Windkraft, ist doch besser als Atomenergie, aber ärgern tun wir uns über diese hohen Geschütze dahinten trotzdem“, sagt Gerda Jensen und zeigt durch ihr Wohnzimmerfenster gen Westen – dorthin, wo gerade die Schatten der langsam kreisenden Rotoren länger werden.

 

(*  Name geändert)

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