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Aus dem Amtsgericht : Letzte Chance für vorbestraften Ex-Neonazi

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Ein 28-jähriger Schleswiger bleibt nach schwerer Körperverletzung auf freiem Fuß.

shz.de von
erstellt am 01.Okt.2014 | 07:48 Uhr

Er musste sichtlich mit sich ringen. Das war Marcus Marlie deutlich anzumerken, als er sich im Saal A des Schleswiger Amtsgerichtes aufrichtete und begann, sein Plädoyer zu halten. Denn eigentlich war der junge Staatsanwalt mit einer völlig anderen Überzeugung angetreten. „Als ich heute Morgen noch einmal die Akten und dazu Ihr Vorstrafenregister durchgesehen habe, war ich sicher, dass Sie ins Gefängnis gehen“, meinte er dann auch mit Blick auf den Angeklagten. Dieser aber hatte sich im Laufe der gut zweieinhalbstündigen Verhandlung so reumütig präsentiert, dass er am Ende doch noch als freier Mann das Gericht verlassen konnte. Zwölf Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung lautete das Urteil – allerdings mit einer Bewährungsfrist von stattlichen vier Jahren und einer ganzen Palette an Auflagen.

Denn die Vorwürfe gegen den 28-jährigen Schleswiger wogen schwer. Im Mai letzten Jahres hatte er in der Mozartstraße einen Mann (45) durch einen Tritt gegen dessen Brust erheblich verletzt. Zuvor waren beide in Streit geraten, nachdem sich der Angeklagte während eines nachmittäglichen Saufgelages über einen Gartenzaun auf das Grundstück des Nachbarn übergeben hatte. Dieser hatte neben der Körperverletzung eine weitere Straftat angezeigt. So soll der Angeklagte, bevor er zum Angriff ansetzte und über den Zaun sprang, seinen Oberarm entblößt und – offenbar als Warnung – ein darauf tätowiertes Hakenkreuz gezeigt haben.

Damit aber nicht genug: Einen Monat später ging bei der Polizei eine weitere Anzeige gegen den 28-Jährigen ein. Diesmal sollte er an der Schleistraße ein Paar, das dort mit einem zehnjährigen Kind spazieren ging, aus einem fahrenden Auto heraus übelst beleidigt und mit einer Bierdose beworfen haben.

In diesem Fall waren die Aussagen der Beteiligten, die offenbar schon mehrfach aneinander geraten waren (Zitat des Angeklagten: „Der Typ hatte vorher meine kleine Schwester mit einer Gaspistole bedroht.“), jedoch so widersprüchlich, dass die Staatsanwaltschaft die ursprüngliche Anklage wegen versuchter Körperverletzung und Beleidigung fallenließ. Auch der Vorwurf des „Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ wurde zu den Akten gelegt, da man dem Angeklagten nicht zweifelsfrei beweisen konnte, dass er das Hakenkreuz (von denen er laut eigener Aussage drei auf seinen Körper tätowieren ließ) absichtlich in der Öffentlichkeit gezeigt habe. Blieb also der Hausfriedensbruch und die gefährliche Körperverletzung.

Beide Taten allein hätten jedoch, das betonten sowohl der Staatsanwalt als auch Richter Morten Alpes, für einen Gang ins Gefängnis gereicht. Schließlich ist der Angeklagte vor Gericht alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Stattliche elf Vorstrafen konnte er vorweisen, darunter mehrfache Diebstähle, Körperverletzungen, Hehlereien und Nötigungen. Zudem war der junge Mann, der bereits mehrere Monat im Jugendarrest saß, Mitglied einer bekannten rechtsradikalen Organisation, dort zuletzt im Rang eines „Kriegers“. Die Gruppe aber habe er, obwohl er unter Druck gesetzt worden sei, inzwischen verlassen. „Ich will mit dem Scheiß nichts mehr zu tun haben, das hat mir nur Ärger eingehandelt. Auch die Tattoos lasse ich entfernen. Ich will endlich ein normales Leben führen“, sagte der Angeklagte. Deshalb habe er auch dem Alkohol abgeschworen. „Weil ich weiß, dass ich schnell mal durchdrehe, wenn ich was gesoffen habe“.

Da der junge Mann zudem voll geständig war, sich bei seinem Opfer entschuldigte und in Kürze zum vierten Mal Vater wird, drückte Richter Alpes beide Augen zu und sprach dem Hartz-IV-Empfänger „eine allerletzte Chance“ zu. In seiner Bewährungszeit muss der 28-Jährige 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und ein Anti-Gewalt-Training sowie die Schuldnerberatung besuchen. Schließlich hat er, wie er angab, rund 40 000 Euro an Verbindlichkeiten angehäuft.

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