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Schleswig : Lernbehindert: Ist Henrik W. nicht tauglich für die Feuerwehr?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Henrik W. darf nicht Mitglied im Löschzug Altstadt werden – weil er bei den Schleswiger Werkstätten beschäftigt ist.

von
erstellt am 05.Nov.2015 | 12:29 Uhr

Es sollte der Start in ein neues Leben werden, als Henrik W. vor zwei Jahren aus Uelsby in eine eigene Wohnung in Norden von Schleswig zog. Dem heute 26-Jährigen fiel es nicht immer leicht, den Alltag zu bewältigen. Schon zu seiner Schulzeit wurde ihm eine Lernbehinderung attestiert. Bis heute fällt es ihm schwer, mit Geld umzugehen. Ein gesetzlicher Betreuer unterstützt ihn. Auch an seinem Arbeitsplatz erfährt Henrik W. die Hilfe, die er benötigt.

Dennoch hatte er bisher das Gefühl, ein ganz normales Leben führen zu können. Wer mit ihm redet, merkt nicht sofort etwas von seiner Behinderung. In klaren Worten berichtet er von einer Ablehnung, die erfahren hat und die ihn seit Monaten beschäftigt. Er wollte Mitglied in der Schleswiger Freiwilligen Feuerwehr werden. Und durfte nicht. Weil er einen Betreuer hat und in einer Behindertenwerkstatt arbeitet.

Damit hatte Henrik W. nicht gerechnet. Im Amt Südangeln nämlich hatte es nie ein Problem gegeben. Viele Jahre lang war er Mitglied der Jugendfeuerwehr in Böklund. Nach bestandener Truppmann-Ausbildung wechselte er in die reguläre Feuerwehr in Uelsby.

„Die Feuerwehr ist das einzige Hobby, das mir jemals Spaß gemacht hat“, sagt der junge Mann, während er von seinem Wohnzimmertisch aufsteht und die Glasvitirine neben dem Fernseher öffnet. Darin hat er seine Erinnerungsstücke aufbewahrt: ein Pokal vom Jugendfeuerwehrtag und eine Plakette vom Kreisfeuerwehrmarsch. „In Schleswig haben sie mir gesagt, die Gefahr wäre zu groß, dass ich plötzlich unter die Räder komme“, sagt Henrik W. und schüttelt den Kopf. „In Uelsby bin ich doch auch nie unter die Räder gekommen.“

Wie in vielen anderen Institutionen, so ist auch bei den Feuerwehren die Inklusion ein großes Thema, also die Einbindung von Behinderten in den Alltag. Doch wie mit Menschen wie Henrik W. umzugehen ist, dazu gibt es keine landesweiten Vorgaben. „Es ist eine individuelle Entscheidung“, sagt Holger Bauer, Sprecher des Landesfeuerwehrverbandes. „Kleinen Wehren fällt es oft einfacher, jemanden zu integrieren, der beeinträchtigt ist.“ In Städten wie Schleswig mit mehreren Einsätzen pro Woche seien die Feuerwehren viel stärker darauf angewiesen, dass jedes einzelne Mitglied voll einsatzfähig sei.

Ähnlich argumentiert auch Schleswigs Wehrführer Sönke Schloßmacher, der indes darauf hinweist, in die Entscheidung des Löschzugs Altstadt, Henrik W. abzulehnen, nicht persönlich eingebunden gewesen zu sein. „Grundsätzlich sind wir froh über jeden, der bei uns mitmachen möchte“, sagt er. Allerdings gebe es viele unterschiedliche Fälle, in denen eine Aufnahme nicht so einfach möglich sei. „Zum Beispiel haben sich bei uns jetzt auch schon die ersten Flüchtlinge gemeldet. Darüber freuen wir uns sehr. Aber wir können sie nur dann aufnehmen, wenn sie so gut Deutsch oder zumindest Englisch sprechen, dass wir im Ernstfall in Sekundenschnelle mit ihnen kommunizieren können.“

Die Entscheidung, Henrik W. wieder nach Hause zu schicken, hatte Karl Goos getroffen, der Leiter des Löschzugs Altstadt. „Es ist mir nicht leicht gefallen“, sagt er. „Aber die Bürger erwarten zu Recht, dass alles reibungslos funktioniert, wenn die Feuerwehr kommt.“ Nach Rücksprache mit dem Wehrführer und auch mit der Uelsbyer Feuerwehr sei er zu dem Ergebnis gekommen, dass Henrik W. den Anforderungen der städtischen Feuerwehr nicht gewachsen sein würde.

Eine Lösung zeichnet sich mit einer geplanten Änderung des Brandschutzgesetzes ab. Die Wehren sollen dann die Möglichkeit haben, so genannte Logistik-Abteilungen einzurichten. In ihnen sollen sich Aktive engagieren können, für die ein Einsatz direkt am Brandort aus den unterschiedlichsten Gründen nicht in Frage kommt. „Darüber werden wir beraten“, sagt Schloßmacher, der auch die Möglichkeit sieht, auf diese Weise Menschen mit körperlichen Behinderungen einzubinden. „Wem eine Hand fehlt, der kann nicht am Schlauch stehen, aber der kann zum Beispiel ein Funkgerät bedienen.“

Auch in Uelsby hat Henrik W. nicht an Einsätzen teilgenommen, lediglich an zahlreichen Übungen. Doch er will jetzt nicht mehr auf die Schleswiger Logistik-Abteilung warten. Für ich steht fest: „Ich möchte bei der Schleswiger Feuerwehr nicht mehr mitmachen. Dafür habe ich mich zu sehr diskriminiert gefühlt.“

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