zur Navigation springen
Schleswiger Nachrichten

14. Dezember 2017 | 18:38 Uhr

Schleswig : Leichen im Zelt auf den Königswiesen

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Wanderausstellung „Echte Körper“ kommt für vier Tage nach Schleswig. Pastoren mahnen zurückhaltenden Umgang mit dem Thema an.

von
erstellt am 01.Sep.2015 | 12:15 Uhr

Die Plakate sind seit diesem Wochenende an fast jeder Ecke in der Stadt zu sehen. Sie werben für „Echte Körper“. Ein amerikanisches Unternehmen zeigt auf einem Zelt in den Königswiesen vier Tage lang plastinierte Leichen. Die Wanderausstellung tourt schon seit mehreren Jahren durch Deutschland. In dieser Woche ist sie bereits in Flensburg zu sehen.

Die Macher grenzen sich bewusst ab von der umstrittenen „Körperwelten“-Ausstellung, mit der der Mediziner Gunther von Hagens Ende der 1990er erstmals Schlagzeilen machte. Thomas Müller, der technische Leiter der Ausstellung, sagt: „Wir verzichten bei der Präsentation der Exponate ganz bewusst auf reißerische, unnatürliche Posen und auf Effekthascherei. Die Würde der Toten wird geachtet.“

Ob das gelingen kann, darüber gehen die Meinungen indes auseinander. Die Schleswiger Pastoren Michael Dübbers und Norbert Wilckens äußern zumindest leise Zweifel. „Aus theologischer Sicht haben wir die Frage, inwieweit eine solche Ausstellung die Würde der verstorbenen Menschen wahren kann“, sagt Dübbers. Zudem würden sich mit dem Tod viele existenzielle und damit auch seelsorgerliche Fragen verbinden, denen im Rahmen einer solchen Ausstellung vermutlich nicht ausreichend Rechnung getragen werden könne. „Die Totenruhe ist ein hohes und deshalb besonders geschütztes Gut.“

Jedoch begrüßt Dübbers das mit der Ausstellung verbundene Interesse, sich mit dem Thema Tod auseinanderzusetzen. „Als problematisch würden wir es empfinden, wenn es hier nicht primär um die wissenschaftliche, theologische oder gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Tod gehen sollte, sondern in erster Linie darum, mit dem Sensationswert einer solchen Ausstellung einen finanziellen Gewinn zu erzielen“, sagt er. Letztlich liege es in der Freiheit eines jeden, sich hier ein eigenes Urteil zu bilden.

Die Wanderausstellung „Echte Körper“ existiert bereits seit 2006. Bis ins vergangene Jahr war sie vor allem in Messehallen von Großstädten zu sehen. Erst seit diesem Jahr gehen Thomas Müller und sein Team mit ihren 200 Exponaten, darunter fünf komplette Körper, mit ihrem großen Zelt gezielt in kleinere Städte.

Die Leichen stammen von der Firma Corcoran Laboratories aus Michigan. Das Unternehmen hat sich das angewandte Verfahren zur Konservierung von Leichen patentieren lassen. Die Menschen, deren Leichname zu sehen sind, hatten zu Lebzeiten zugestimmt, dass ihre Körper nach dem Tode zur Ausbildung von Medizinern, aber auch zur Aufklärung von Laien zur Verfügung gestellt werden. So betont Thomas Müller den Lerneffekt der Ausstellung und setzt auch auf Schulklassen als Besucher. Der Besuch im Zelt auf den Königswiesen ist indes nicht ganz billig: Erwachsene zahlen 15 Euro, Schüler, Auszubildende und Studenten zehn Euro.

> „Echte Körper – von den Toten lernen“, Donnerstag bis Sonntag, 17. bis 20. September, jeweils 11 bis 18 Uhr auf den Königswiesen. In Flensburg ist die Ausstellung vom 4. bis 13. September zu sehen (Am Friedenshügel 52, beim Bowlingcenter).

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen