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Als Kind missbraucht : Leben zwischen Angst und Hoffnung

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die 25-jährige Julia wurde als Kind missbraucht – das Trauma drohte ihr Leben komplett zu zerstören. Jetzt sieht wie wieder eine Chance.

Handewitt | Julia versteckt ihre Arme nicht. Obwohl es für die Jahreszeit eindeutig zu kühl ist, sitzt die 25-Jährige in einem kurzärmligen T-Shirt am Küchentisch und erzählt ihre Geschichte. Es ist eine Geschichte von sexuellem Missbrauch, von Drogen, Alkohol, Selbstverstümmelung und Angst. Aber es ist auch die Geschichte, die eine kleine positive Wendung genommen hat und vielleicht irgendwann in ein „normales“ Leben münden kann, weil Julia Menschen gefunden hat, die ihr zur Seite stehen.

Dass die junge Frau Schlimmes durchgemacht hat, lässt sich bei einem Blick auf ihre Unterarme zumindest erahnen – die sind nämlich von vernarbten Schnitten überzogen. Schnitte, die sie sich selbst zugefügt hat. „Ritzen“ heißt das im Volksmund, Spezialisten sprechen von autoaggressivem Verhalten, davon, dass der Schmerz gebraucht wird, um sich selbst zu spüren und den seelischen Schmerz mit körperlichem Schmerz zu überdecken. Es ist ein Hilferuf nach Zuwendung und ein Ventil. Julia brauchte in ihrem Leben noch mehr Ventile. Auch mit Drogen und Alkohol versuchte sie zu verdrängen, dass sie als Kind von ihrem Stiefvater missbraucht wurde. „Ich habe sehr lange überhaupt nicht gewusst, was mit mir los ist – bis mir schließlich eine Therapeutin sagte, dass ich ein Trauma habe und mich an eine Fachklinik in Niedersachsen vermittelte.“

Inzwischen lebt Julia auf einem Dorf in der Nähe von Flensburg und glaubt erstmals an eine Chance, irgendwann einmal ein ganz normales Leben führen zu können. Sie hat Menschen gefunden, die ihr zur Seite stehen und es gut mit ihr meinen. Sie hat eine kleine Wohnung, muss sich inzwischen keine Sorgen mehr um Geld machen, seit sie Hartz IV bezieht. Aber ihr Leben ist ein brüchiges Konstrukt. Immer wieder wird die junge Frau von „Flashbacks“ heimgesucht. „Es kann passieren, dass ich mitten in der Nacht in Panik aufwache und glaube, dass ich wieder sieben Jahre alt bin. Mich ausgeliefert fühle. Das ist furchtbar.“ Für solche Fälle hat Julia einen Zettel neben dem Bett hängen. Darauf steht: Ich heiße Julia, bin 25 Jahre alt. Ich bin in Sicherheit. Mir kann nichts passieren. „Das gehört zu den Techniken, die ich nach der Entgiftung in der Klinik gelernt habe.“ Techniken, die verhindern sollen, dass sie wieder zu Drogen oder Alkohol greift, Techniken, die ihr beim Überleben helfen. Doch die Sucht lauert immer noch jederzeit im Hintergrund.

Über den Berg ist Julia noch lange nicht, das weiß sie genau. Demnächst steht wieder eine Therapie in der Klinik an, in zwei Jahren folgt dann die Trauma-Therapie. Dann geht es ans Eingemachte, in die Details dessen, was sie als Kind erlebt hat. „Davor habe ich Angst“, sagt Julia.

Angst war auch das beherrschende Thema, als sie im vergangenen November aus der Klinik entlassen wurde. Sie ging nach Husum, bekam für zwei Monate ein Zimmer in einer Einrichtung, in der auch kontrolliert wurde, ob sie noch clean war. Ansonsten musste sie für sich selbst sorgen. Von null auf hundert, aus der geschützten Klinik in die wirkliche Welt. Sie musste sich bei der Stadt anmelden, Geld beantragen, auf fremde Menschen zugehen. Das alles überforderte die junge Frau. Angst. „Ich habe häufig in meinem Zimmer gesessen und geweint, ich konnte das alles nicht.“ Die Zeit nach der Klinik, die eigentlich zur Stabilisierung dienen sollte, drohte zu einem Fiasko zu werden.

Eine Zimmernachbarin riet ihr schließlich, sich an den Weißen Ring zu wenden, was sich als Rettungsanker erwies. Sie hatte plötzlich jemanden, der zuhört, der sie bei Behördengängen begleitet und ihr behutsam den Weg ins eigene Leben ebnet.

Inzwischen lebt Julia in der Umgebung von Flensburg und wird von Helga Münchow betreut. Die steht nicht nur bei akuten Krisen jederzeit zur Verfügung, sondern unterstützt auch außerhalb des geschützten Raumes, den Julia immer noch braucht. Hilfreich auf dem Weg sind gute Erfahrungen – und die hat Julia beispielsweise im Handewitter Sozialzentrum gemacht. „Dort wurde mir erstmals nicht gesagt, man sei nicht zuständig, Frau Kroll hat zugehört – und innerhalb einer Woche waren alle Anträge bewilligt. Das war toll“, erklärt Julia. Und als sich im Gespräch herausstellte, dass Julia mittellos war, bot die Behördenmitarbeiterin ohne Umschweife einen Gutschein an. „Wir versuchen schon, so schnell wie möglich zu entscheiden“, sagte die Sachbearbeiterin M. Kroll auf Nachfrage. Die Sache mit dem Gutschein dagegen lag in ihrem Ermessensspielraum. „Man schaut natürlich, wer einem gegenüber sitzt, Menschenkenntnis ist eine der Voraussetzungen unserer Arbeit. Aber wenn wir helfen können, tun wird das auch.“

Julia helfen solche Erfahrungen weiter. Mit ihrer Psychologin in der Fachklinik, mit Helga Münchow vom Weißen Ring und ihrer Schwester hat Julia sich ein kleines Sicherheitsgerüst von Menschen geschaffen, denen sie vertraut. Sie weiß, wie wichtig das ist. „Ohne die Hilfe wäre ich sicher schon wieder rückfällig geworden.“

Die Schnitte an den Armen sind inzwischen vernarbt, die seelischen Verletzungen aber quälen sie immer noch. Ihr Leben entwickelt sich zurzeit Schritt für Schritt voran, sie arbeitet inzwischen sogar stundenweise auf einem Erdbeerfeld. Ihr Traum aber ist eine Tischlerlehre im Theodor-Schäfer-Berufsbildungswerk in Husum. Der Antrag ist gestellt. Die Lehre würde immer noch in einem geschützten Raum stattfinden, sie wäre aber ein großer Schritt für die junge Frau. Eine Garantie hat sie nicht. Aber immerhin eine Chance.

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erstellt am 09.Jul.2017 | 07:51 Uhr

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