Kropp : Leben in der Tonne

Seit 19 Jahren wohnen Barbara und Hafid Feddi in einer Nissenhütte.
Seit 19 Jahren wohnen Barbara und Hafid Feddi in einer Nissenhütte.

Auch wenn sie Abstriche beim Komfort machen muss, wohnt Familie Feddi gern in ihrer Nissenhütte aus der Nachkriegszeit. Lediglich die runden Wände sind gewöhnungsbedürftig.

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11. März 2014, 07:45 Uhr

Barbara und ihr Mann Hafid Feddi sitzen auf der Terrasse vor ihrem wirklich ungewöhnlichen Heim. Seit 1995 leben die Elektronikerin und der Projektleiter mit Tochter Yasmin in einer Nissenhütte im Fuhlreiter Weg in Kropp – einem inzwischen seltenen Relikt aus der Zeit, als nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Norddeutschland günstiger Wohnraum für Flüchtlinge geschaffen werden musste.

Ihr kurioses Zuhause war 1948 ursprünglich elf Meter lang und fünf Meter breit und sah aus wie eine halbierte Tonne. Die Nissenhütte bestand ursprünglich aus einem vorderen, mittleren und hinterem Zimmer, davon abgetrennt ein Badezimmer und eine Küche. Die Feddis haben im Laufe der Zeit einige Umbauarbeiten vorgenommen. Aus einem angrenzenden kleinen Stallgebäude wurde ein Wohnzimmer mit zwei großen Fenstern mit Blick auf die Terrasse und den großen Garten.

Auf der Terrasse genießen die Feddis die ersten wärmenden Sonnenstrahlen in diesem Jahr. Jetzt, wo der Frost vorüber ist, können Sie endlich wieder ihre Regenrinnen anbringen. „Im Winter besteht die Gefahr, dass das gefrorene Eis die Regenrinnen verstopft, das Wasser unter die Bleche gelangt und innen die Wände herunterrieselt“, erzählt Barbara Feddi. Nicht die einzige Besonderheit des Runddachhauses.

Als vor Jahren die Gaszentralheizung installiert wurde, sind die Heizungsrohre entlang der Wände der Nissenhütte verlegen worden, damit die Wohnung nicht feucht wird. „Da wir nur Außenwände haben, müssen wir zudem auch den Sommer durchheizen“, erzählt sie. „Dass wir kein Energiesparhaus haben, ist uns klar, wir verbrauchen auf 75 Quadratmeter so viel Heizenergie wie meine Freundin auf 120 Quadratmeter in einem normalen Einfamilienhaus.“ Aber es könne auch richtig gemütlich sein, etwa wenn Regen oder Hagel auf das Wellblechdach prasseln, allerdings nicht zu stark, „denn dann kann man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen“, sagt Barbara Feddi.

Mit Sprüchen wie „Wie kann man nur in so einem Röhrenhaus wohnen?“ oder „Ihr wohnt ja wie die glücklichen Bioschweine“, können die Feddis gut leben. Sie haben sich mit den ungewöhnlichen Bedingungen arrangiert. „Unsere Tochter Yasmin hat nach dem Umbau das kleinste Zimmer mit 2,5 auf 2,5 Metern erhalten. Deshalb hat sie nur Spielzeug bekommen, das zusammenklappbar ist“, schmunzelt Barbara Feddi.

Aus der Anfangszeit der Nissenhütten in Kropp weiß der heute 86-jährige Herbert Schaak zu berichten. Er ist Ende des Zweiten Weltkriegs mit seinen Eltern aus Ostpreußen geflohen. Die Familie war eine der ersten in Kropp, die 1948 eine Nissenhütte, genauer gesagt die Bauteile, kauften und dann nach Feierabend ihr neues Zuhause im Kropper Fuhlreiter Weg aufbauten. „Eine Nissenhütte besaß vier bis fünf Träger und verschiedene Rundbleche, deren Zwischenräume mit Torf ausgepolstert wurden – als Isolierung gegen Kälte“, erzählt Schaak.

Mit den Nissenhütten entstand in Kropp eine sogenannte Nebenerwerbssiedlung, wobei sich immer zwei Nissenhütten-Besitzer einen Stall mit Vieh teilten. Bezahlt haben die Schaaks damals 2800 Reichsmark.

Auch Doris (75) und Willi Radau (74) lebten in einer der Nissenhütte. Sie kauften sie im Jahr 1961 für damals 6000 Mark. „Anfangs hatten wir jedoch nur eine Wasserpumpe im Stall, einen Kachelofen, kein Badezimmer, nur ein Plumpsklo“, beschreibt Doris Radau die Ausstattung. 1968 rissen die beiden ihren Behelfsbau ab und bauten ein neues Haus. Sieben Jahre später jedoch erwarben sie ein Nachbargrundstück auf dem bis heute eine Nissenhütte überlebt hat – jenes urige Haus, in dem sich Tochter Barbara Feddi mit ihrer Familie pudelwohl fühlt.

Sie möchte ihre Nissenhütte mit der Terrasse und dem Blick auf den großen Garten und in die freie Natur nicht eintauschen. „Das ist wie Dauer-Camping“, sagt sie.

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