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Familienvater klagt : Leben gerettet, Geld verloren

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Florian Lange verletzte sich schwer, als er einen Mann aus der Treene zog. Der Verdienstausfall nach Krankschreibung belastet die Familie stark.

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erstellt am 18.Okt.2015 | 07:29 Uhr

Florian Lange versteht die Welt nicht mehr. Im August rettete er nach einer Kanufahrt auf der Treene in Treia einen Familienvater vor dem Ertrinken. Die mutige Tat aber kam ihn teuer zu stehen – durch eine kostspielige Zahnarztrechnung und mehr als drei Wochen Verdienstausfall. Rund 1700 Euro fehlt der Handewitter Familie mit den drei kleinen Kindern durch die Folgen der Rettungsaktion – ein Verlust der nur schwer zu verkraften ist. „Immer wieder wird davon gesprochen, dass die Menschen Zivilcourage zeigen sollten. Das habe ich getan – und jetzt werde ich im Regen stehen gelassen“, sagt der 31-jährige Familienvater frustriert.

Anfang August unternahm Florian Lange wie in jedem Jahr mit Freunden eine Kanutour auf der Treene. Das Wasser stand nach tagelangen Regenfällen außergewöhnlich hoch, doch abgesehen von Schwierigkeiten bei der geplanten Zeltübernachtung auf dem überschwemmten Campingplatz in Hünning verlief die Tour ohne Zwischenfälle. Am frühen Sonntagnachmittag erreichte die Gruppe ihr Ziel in Treia. „Wir haben die Kanus an Land gebracht, die Tonnen geleert und warteten auf den Abtransport, als eine Familie – Vater, Mutter und Tochter – angepaddelt kam“, berichtet Lange. An dieser Stelle gibt es in der Treene eine so genannte Sohlgleite, ein unter dem Wasserspiegel quer zur Strömung liegendes Bauwerk, das die Ausspülung des Flusses verhindern soll. Durch den Eingriff ergeben sich im Wasser Turbulenzen. Die sind bei Hochwasser so stark, dass selbst erfahrene Kanuten Schwierigkeiten haben, die Stelle zu passieren.

Die Familie kenterte mit ihrem Boot. Wahrend Mutter und Tochter unbeschadet das Ufer erreichten, hatte sich die Schwimmweste des Vaters offenbar am Kanu verhakt, das kieloben im Wasser trieb und immer tiefer unter die Büsche am Ufer gedrückt wurde.

„Ich habe in dieser Situation nicht lange überlegt“, erinnert sich Florian Lange, der als Jugendlicher einmal einen Rettungsschwimmer-Schein gemacht hat. „Ich bin ins Wasser gesprungen, von unten an das Kanu herangetaucht und habe es geschafft, den Mann an die Oberfläche zu holen.“

Was dann passiert, sah Florian Lange zunächst nur aus dem Augenwinkel: Das Kanu hatte sich losgerissen, stand zunächst quer zur Strömung und rammte dann mit Wucht mit dem Bug den Kopf des Retters. Wie er es ans Ufer schaffte, weiß Lange nicht mehr. „Da ist Vieles an mir vorbeigegangen“, gibt er zu. Zwar nahm er den Dank der Familie entgegen, war aber nicht mehr geistesgegenwärtig genug, um sich Namen und Telefonnummern zu merken.

Auch seine Verletzungen schätzte der Handewitter zunächst falsch ein. Trotz verlorener Zähne und Schmerzen in Kopf und Rücken ging er erst am nächsten Tag zu seinem Hausarzt – und der schickte ihn sofort ins Krankenhaus. Die Diagnose hatte es sin sich: Prellungen, Gehirnerschütterung, Distorsionen (Verdrehungen) in Rücken und Lendenbereich – insgesamt war Florian Lange mehr als drei Wochen krankgeschrieben – und seine neuen Zähne hat er erst seit wenigen Tagen.

Die Schmerzen legten sich im Laufe der Zeit, dafür aber stiegen in Florian Lange Ärger und Frustration hoch. Die Kosten für die Behandlung, so fand er heraus, bezahlt die Unfallkasse Nord. Möglicherweise auch den Eigenanteil für die neuen Zähne, für die der Zahnarzt eine Rechnung über knapp 400 Euro schickte. Noch aber wird geprüft, Zeugen müssen befragt und Umstände der Rettung geklärt werden. Der Zahnarzt hat noch Verständnis, weil er die bürokratischen Verwicklungen kennt.

Was Florian Lange und seiner Familie zurzeit sehr zu schaffen macht, ist der Verdienstausfall. Sein Arbeitgeber in Dänemark hat die Fortzahlung abgelehnt, weil in einem solchen Fall eigentlich jemand anders den Verdienstausfall ausgleichen müsste. Bisher ist Florian Lange mit seinen Fragen nach der verantwortlichen Stelle auf taube Ohren gestoßen. „Dieses Geld fehlt uns an allen Ecken und Enden“, sagt der System-Operator.

Florian Lange bereut es nicht, dass er spontan in die Treene sprang, um den Mann zu retten. Aber die Konsequenzen ärgern ihn: „Es darf doch nicht sein, dass man sich erst mal Gedanken darüber machen muss, ob man es sich leisten kann, zu helfen.

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