Apothekennotdienst : Lange Wege für ein Medikament

Ab sofort müssen Kunden wie Manfred Emcke (mit Carola Büchler von der ABC-Apotheke in Schleswig) längere Wege zur nächsten Notdienst-Apotheke in Kauf nehmen.
Ab sofort müssen Kunden wie Manfred Emcke (mit Carola Büchler von der ABC-Apotheke in Schleswig) längere Wege zur nächsten Notdienst-Apotheke in Kauf nehmen.

Seit 1. Januar regelt der Computer den Apothekennotdienst. Vor allem im ländlichen Raum sorgt das für Engpässe.

shz.de von
04. Januar 2015, 16:11 Uhr

Schleswig | Wer am Neujahrstag in Schleswig krank in der Anlaufpraxis des Helios-Klinikums saß, hatte spätestens nach Diagnose und Erstbehandlung ein Problem: Wo sollte man die verschriebenen Medikamente herbekommen? Noch zu Weihnachten wäre dies kein Problem gewesen – hatten sich die Stadt-Apotheken doch so organisiert, dass auch nachts und an Sonn- sowie Feiertagen stets eine geöffnet war. Doch diesen Notdienst-Ring – einer von landesweit 50 – gibt es seit dem ersten Januar nicht mehr. Ab sofort verteilt ein Computerprogramm die Notdienste zentral auf alle 730 Apotheken in Schleswig-Holstein – zum Leidwesen vor allem der Landbevölkerung.

Ein Kriterium bei der Vergabe ist die Länge des Anfahrtweges: In Großstädten mit über 70.000 Einwohnern darf dieser maximal zehn Kilometer betragen, in Städten wie Schleswig mit 20.000 bis 70.000 Einwohnern bis zu 16 Kilometer und in Kleinstädten (5000 bis 20.000 Einwohner) höchstens 23 Kilometer. Im ländlichen Bereich liegt der Maximalwert bei 38 Kilometern. Diese neue Regelung wurde am Neujahrstag in Schleswig ausgereizt: „Wenn jemand aus Böklund zur Anlaufpraxis ins Schleswiger Krankenhaus kam, musste er für die Medikamente nach Fleckeby fahren“, erklärt Carola Büchler von der ABC-Apotheke in Schleswig. Dabei würde sie als Bürger erwarten, „dass da, wo eine Anlaufpraxis ist, auch eine Apotheke ist“.

Schon allein der Weg zur Notdienst-Apotheke kann in Angeln schnell über 20 Kilometer lang sein: Wer gestern beim neu eingerichteten Internet-Suchdienst unter www.aksh-notdienst.de die nächste Notdienst-Apotheke für Sörup suchte, bekam als Antworten Flensburg, Harrislee, Kappeln, Eckernförde und Schleswig. Daher urteilt Büchler: „Wer nicht Auto fahren kann, für den wird es ganz schwierig.“ Zumal weder Bus noch Bahn richtige Alternativen sind.

Doch manch einen stellt schon der Suchdienst selbst, der den gedruckten Notdienst-Kalender ersetzt, vor Probleme: So haben Einwohner von Husby bei Flensburg derzeit das Nachsehen, ihr Ort wird mit Hüsby, das bei Schleswig liegt, verwechselt. Husbyern bleibt als Alternative nur ein Anruf bei der Apotheken-Notdienst-Hotline unter 0800-0022833 oder vom Handy unter der Kurzwahl 22833.

Dabei soll die Neuregelung eigentlich eine Verbesserung bringen. „Die Apothekerkammer versucht, die Notdienste zu entzerren und alle Apotheken zu beteiligen, damit die Belastung relativ gleichmäßig aufgeteilt wird – auch für den Kunden“, erklärt Carola Büchler. So gab es im ländlichen Raum bisher Ausnahmen bei den Notdiensten, die in der Regel 24 Stunden dauern. „In Kropp boten die drei Apotheken bisher einen eingeschränkten Notdienst an, bei dem die Apotheken an 365 Tagen im Jahr stundenweise erreichbar waren“, erklärt Klaus-Peter Klappstein von der Kropper Storm-Apotheke. Diese Regelung habe man für recht gut empfunden. „Und die Leute hatten sich daran gewöhnt. Aber man kennt das ja: Da ist ein eingespieltes System und irgendwer meint, das reformieren zu müssen“, kritisiert er. Jetzt sei die Regelung so, dass es keine eingeschränkten Notdienste mehr gibt: „Alle Apotheken müssen sich an den 24-stündigen Notdiensten beteiligen.“ Ab sofort kommt jede Apotheke in Kropp auf 19 Diensttage. „Damit werden 57 Tage im Jahr abgedeckt – über 300 aber gar nicht. Ich wage zu bezweifeln, dass das eine Verbesserung ist“, meint er. Auch eine gleichmäßige Belastung sei „fast unmöglich“: „Eine Kollegin in Neumünster etwa hat 13 Notdienste, wir hier haben 19 und eine Kollegin in Gelting sogar 34.“

Dies bestätigt Susanne Koschky aus der Angler Apotheke in Steinbergkirche: „Die Verteilung bei der Anzahl der Notdienste ist sehr unterschiedlich. Das kann man zum Teil nicht verstehen.“ Jetzt laufe das erstmal ein Jahr lang, „dann setzt man sich zusammen und sieht, ob es geklappt hat oder nicht“.


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