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Kulturschock in Schleswig : Landestheater vor dem „Ritt auf der Rasierklinge“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Einst als Musterbeispiel gepriesen, steht das Schleswig-Holsteinische Landestheater heute vor einer ungewissen Zukunft. Der Blick über die Landesgrenzen macht kaum Hoffnung.

shz.de von
erstellt am 26.Apr.2015 | 14:41 Uhr

Schleswig | Sie sind Theaterfreund, wohnen aber fern einer Metropole? Pech: Je weiter die Fläche, desto dünner die Angebote. Und die Tendenz zeigt weitere Verschärfung. In Schleswig-Holstein etwa ist mit dem wankenden Landestheater der westliche und mittlere Landesteil von kultureller Verödung bedroht, in Mecklenburg-Vorpommern verglich Rostocks Volkstheater-Intendant Sewan Latchinian die Kulturpolitik des Landes mit Blick auf geplante Spartenschließungen sogar mit der Kulturbarbarei der IS. Zankapfel ist – neben unterschiedlichen Definitionen von Kultur – erzwungene Sparsamkeit. Eine Milchmädchenrechnung?

Aus vier mach zwei: Lediglich Schauspiel und Konzertwesen sollen weiterhin unabhängig produzieren können, Musik- und Tanztheater hingegen mit anderen Bühnen kooperieren, so beschloss es die Rostocker Bürgerschaft im Februar. Latchinian, als Intendant in ein Vierspartenhaus geholt, lehnt das rigoros ab. Um kulturelle Vielfalt nicht nur in Rostock bewahren zu helfen, ging er bei einer Solidaritätskundgebung für die ebenfalls von Spartenschließung bedrohten Kollegen in Neustrelitz hart mit der Kulturpolitik des Landes ins Gericht. Für Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling zu hart. Die Entlassung des Intendanten wurde allerdings von der Bürgerschaft vorerst kassiert. Bis morgen hat Methling Zeit für einen Einspruch.

Latchinian springen derweil Kollegen, Politiker und Kulturbewahrer aus dem gesamten Bundesgebiet an die Seite. Es geht um mehr als eine Personalie. Klaus Zehelein, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, verlangt, neben der Rückkehr zu einer konstruktiven Kulturpolitik in der Stadt, an erster Stelle die Rücknahme der Entscheidung über die Spartenschließung. Wolfgang Thierse, Chef des SPD-Kulturforums und ehemaliger Bundestagspräsident, geißelt speziell die beschlossenen Rostocker Spartenschließungen und fordert allgemein Kultusminister Mecklenburg-Vorpommerns Mathias Brodkorb (SPD) zur Kurskorrektur auf. Stärken statt kaputt zu sparen lautet Thierses Devise.

Wie aber, wenn kein Geld da ist, kommt es als Echo für gewöhnlich aus Ländern und Gemeinden. Rolf Bolwin, der Geschäftsführende Direktor des Deutschen Bühnenvereins, rechnet anders: Zwar kosten Theater und Orchester unseres Landes die öffentliche Hand jährlich zirka zwei Milliarden Euro. „Das sind rund 0,2 Prozent aller öffentlichen Budgets. Glaubt jemand wirklich, man könne mit der Reduzierung dieses Betrages, sagen wir einmal auf 0,18 Prozent, die öffentlichen Haushalte sanieren?“ Dass im Gegenteil Theater mehr Geld generiert als es kostet, hat die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig 2014 in einer Studie zur Umwegrentabilität nachgewiesen. Mindestens 1,03 Euro, im optimistischen Szenario 2,04 Euro bringt demnach zum Beispiel jeder für die Leipziger Oper eingesetzte städtische Euro vor allem durch Tourismus, Aufträge an die ortsansässige Wirtschaft und Steuern.

Für die Theater im Norden gibt es solche Untersuchungen noch nicht. Die Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein hat aber schon vor Jahren Witterung aufgenommen. „Eine reiche und lebendige Kulturlandschaft ist daher ein wichtiger Faktor für die Attraktivität von Wirtschaftsstandorten“, heißt es dort.

Rund um Schleswig ist diese Attraktivität mit dem Ringen um eine gute Theaterversorgung derweil in Frage gestellt. Das Stadttheater im Lollfuß ist perdu, für einen Theaterneubau will Kulturministerin Anke Spoorendonk keinen Cent geben, sie verweist auf das durchfinanzierte Konzept auf dem Hesterberg – ein Streit, an dem möglicherweise die Existenz des gesamten Landestheaters hängt, das 1974 als Fusion aus den drei kleinen Häusern in Flensburg, Schleswig und Rendsburg hervorging und zehn Stätten im Land bespielt. Noch. „Das Schleswig-Holsteinische Landestheater gilt bundesweit als mustergültiges Beispiel für eine gelungene, sowohl wirtschaftlich als auch künstlerisch erfolgreiche Fusion“, heißt es stolz im „Konzept zur Sicherung der öffentlichen Theater und des Theaterstandortes Schleswig“ der Ministerin von 2013. Zwei Jahre später gibt es von der Münchner Unternehmensberatung Actori zwei Modelle für die Zukunft des Landestheaters: Das eine geht davon aus, dass Schleswig eine neue Spielstätte schafft (und einer der Hauptgesellschafter der Landestheater GmbH bleibt), das zweite Modell arbeitet ohne Schleswig (und mit massiv reduziertem Theater-Angebot).

Den früheren Landestheater-Intendanten Horst Mesalla brachte das Gerangel derart auf, das er in einem offenen Brief an Spoorendonk wetterte: „Ist Ihnen als Ministerin nicht bewusst, dass die Existenz des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters dem Tanz auf der Klinge eines Rasiermessers gleicht und dass Sie mitverantwortlich sein werden an der eventuellen Schleswiger Kündigung aus der Landestheater GmbH, die das Theaterwesen im nördlichen Landesteil in eine schwere Krise stürzen wird, an dessen Ende weniger Kultur in Schleswig-Holstein und Personalentlassungen in Schleswig stehen werden?“ An Geld, behauptet Mesalla sogar, könne es angesichts des von Ministerpräsident Albig ausgesprochenen befristeten Bleiberechts für Asylbewerber nicht liegen – eine Unsachlichkeit, wie sie sonst Kulturschaffenden entgegenschlägt und die zeigt, wie tief die Wunden schon geschlagen sind.

Nicht um Ausbau oder wenigstens Erhalt, sondern um Rückbau und Fusionen geht es an allen Ecken. In Neubrandenburg stimmten die Stadtvertreter gerade den Plänen des Kultusministeriums von Mecklenburg-Vorpommern zu, die Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz mit dem Theater Vorpommern zu fusionieren. Pikant ist dabei, dass damit eine ohnehin eingedampfte Theaterlandschaft weiter eingekocht würde, denn die Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz war im Jahr 2000 als Fusion der Landestheater Mecklenburg GmbH, des Kammertheaters Neubrandenburg e. V. und der Neubrandenburger Philharmonie e. V. gegründet worden. In Neustrelitz findet das Fusionsmodell „Staatstheater Nordost“, für das 65 der derzeit 485 Stellen entfallen sollen, gar keine Gnade.

Mehr Geld oder weniger Theater? Auch in Lübeck wird überlegt, wie es weitergehen soll. Bis zum Jahr 2019 werden mit den stetig steigenden, weil am Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes orientierten Löhnen, mehr als vier Millionen Miese aufgelaufen sein, hat der Geschäftsführende Direktor Christian Schwandt ausgerechnet. Die Stadt muss finanziell gegensteuern. Oder es gibt weniger Vorstellungen und Beschäftigte.

Gerade in Lübeck weiß man aber, was der knappe Satz „Was weg ist, bleibt weg“ bedeutet. Hier hat man vor 21 Jahren die Sparte Ballett der Theater-Sanierung geopfert. Zwar sieht das Theater-Papier aus dem Hause Spoorendonk die Hanseaten durch die Kooperation mit Kiel dennoch im Tanzbereich versorgt. Für Ballettfreunde ist das indessen kaum ein Appetithappen. In dieser Saison ist die Kieler „Schwanensee“-Produktion an der Trave zu sehen. Der Hunger nach Tanz indessen ist sehr viel größer. „Davids Traum“ hat das gerade gezeigt. Das Projekt David Winer-Mozes mit Tanzstatisten wurde begeistert gefeiert und wehmütig beseufzt.

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