Provenienzforschung in Schleswig : Landesmuseum untersucht Sammlungsbestände auf NS-Raubkunst

Seit dem Jahr 1999 fasst die Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte und das Archäologische Landesmuseum zusammen.
Seit dem Jahr 1999 fasst die Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte und das Archäologische Landesmuseum zusammen.

Die Zahl der kritischen Objekte hält sich in Grenzen. Einige Stücke wurden Besitzern oder deren Erben zurückgegeben.

shz.de von
06. November 2018, 15:47 Uhr

Schleswig | Raubkunst oder nicht? Das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Schleswig betreibt seit gut fünf Jahren Provenienzforschung. Es untersucht systematisch die Sammlungsbestände auf NS-Raubkunst. Insgesamt halte sich die Zahl der sehr kritischen Objekte im Bestand in sehr engen Grenzen, sagte Direktorin Kirsten Baumann am Dienstag in Schleswig. „Darüber bin ich als Direktorin nicht unfroh.“

Echte Detektivarbeit

Anhand eines Gemäldes von Karl Hofer (1878-1955) und eines Fächers aus dem 18. Jahrhundert veranschaulichten Baumann und die Provenienzforscherin des Museums, Melanie Jacobi, wie das Haus bei seinen Forschungen vorgeht. Die Arbeit hat dabei durchaus etwas Detektivisches. Ein paar Ziffern, ein paar Buchstaben auf der Gemälderückseite, ein Etikett mit einer Nummer – vielmehr ist es nicht, das darauf hindeutet, dass sich das Bild „Mädchen mit Geranien“ von Hofer einmal im Besitz des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim (1878-1937) befand. Spätestens im Juni 1929 kaufte der jüdische Kaufmann und Privatsammler Max Selig das Bild. Dann verliert sich die Spur – bis das Gemälde 1949 als „herrenloses Kulturgut“ in Kiel gefunden wurde und seinen Weg ins Landesmuseum fand.

Gemäldesammlung von den Nazis zerstört

Das Bild sei als bedenklich bis belastet eingestuft worden, sagte Jacobi. Denn Selig war aufgrund seiner jüdischen Herkunft unzweifelhaft Opfer der Verfolgungspolitik der Nationalsozialisten. Der Zerstörung und Plünderung seines Eigentums in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 fiel auch seine Gemäldesammlung zum Opfer. Ob sich darunter das Hofer-Gemälde befand oder ob Selig es vor 1938 wieder verkauft hatte, bleibt ungeklärt – trotz intensiver Nachforschungen.

Trotz des Wissens um die Lücke in der Herkunftsgeschichte sei das Museum auf die Erben Seligs zugegangen, sagte Baumann. Man sei in Verhandlungen. Die Hoffnung sei, dass das Bild in Schleswig bleiben kann. Aber auch einer möglichen Rückgabe werde sich das Museum nicht verschließen. Unterdessen weist eine Tafel neben dem Bild die Besucher auf die Geschichte des Bildes hin.

Bei dem Fächer ist die Herkunft lückenlos rekonstruierbar und geklärt. Er ist ein eindeutig belastetes Objekt – beziehungsweise ein solches gewesen, denn die Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen hat sich mit den Erben gütlich geeinigt und ihnen den Fächer erneut abgekauft, wie Baumann sagte. Damit ist die Stiftung nun offiziell sein rechtmäßiger Besitzer.

Auch kleine Museen können Provenienzforschung betreiben

Hilfe erhält das Museum bei seiner Arbeit vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste. Diese Stiftung unterstützt Museen bundesweit jährlich mit mehreren Millionen Euro bei ihrer Provenienzforschung, wie Sophie Leschik als Vertreterin des Zentrums sagte. Dabei versuche die Stiftung nicht nur in den Metropolen, sondern auch in den ländlichen Regionen die Provenienzforschung zu stärken. Angesprochen würden daher nicht nur die großen Häuser, sondern auch kleine Heimatmuseen. In Schleswig-Holstein gebe es insgesamt acht Projekte, davon drei in Schleswig.

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