Essensreste zur Energiegewinnung : Kunststoffteilchen in der Schlei kommen vom Schleswiger Klärwerk

Unzählige kleine Plastikteile bleiben jetzt im neuen Filter der Kläranlage hängen.

Unzählige kleine Plastikteile bleiben jetzt im neuen Filter der Kläranlage hängen.

Große Mengen an Plastik gerieten unbemerkt in die Schlei – die Stadtwerke wollen nun den Schaden beheben.

shz.de von
05. März 2018, 17:32 Uhr

Schleswig | Von „besorgniserregend großen Mengen“ spracht Thorsten Roos, der Leiter der Umweltbehörde im Schleswiger Kreishaus, am Montag. Konkretere Angaben, etwa in Tonnen ausgedrückt, könne er nicht machen. Fest stehe aber, „dass es sich hier um ein echtes Problem für die Schlei handelt“. Denn: Offenbar wurden seit Jahren über die Schleswiger Kläranlage Millionen von kleinen Plastikteilen in den Meeresarm eingeleitet. Wie das passieren konnte – und wie man das Problem nun lösen will: Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Pressekonferenz, zu der die Untere Naturschutzbehörde und die Stadtwerke, die die Kläranlage betreiben, am Montag gemeinsam eingeladen hatten.

Erstmals aufmerksam auf die zwei bis vier Millimeter kleinen Stückchen, so erklärte Roos, wurde man beim Kreis bereits im Jahr 2016. Lange habe man aber nicht gewusst, woher sie stammen. „Wir hatten verschiedenen Theorien, sind denen auch nachgegangen. Aber immer ohne Ergebnis. Am Ende blieb nur noch die Kläranlage übrig, obwohl wir die anfangs eigentlich gleich ausgeschlossen hatten“, so Roos weiter. Denn diese verfügt über vier Filterstufen – und damit sogar über eine mehr als vergleichbare Anlagen. „Dass es die Plastikteile durch den vier Meter dicken Sandfilter schaffen würden, hielten wir für ausgeschlossen. Aber wir wurden eines Besseren belehrt“, fügte Roos’ Mitarbeiter Jörn Jäger an.

Stadtwerke-Chef  Wolfgang Schoofs und der Umweltschutzbehörde des Kreises, Thorsten Roos, sehen sich die Situation in der Schleswiger Kläranlage an.
Sven Windmann

Stadtwerke-Chef  Wolfgang Schoofs und der Umweltschutzbehörde des Kreises, Thorsten Roos, sehen sich die Situation in der Schleswiger Kläranlage an.

 

Erklären können das bislang weder die Experten der Behörde noch Stadtwerke-Chef Wolfgang Schoofs. Zumindest weiß der aber, wie das Plastik in die Anlage gelangen konnte. Seit 2006 nämlich nutzen die Stadtwerke Essensreste zur Energiegewinnung, indem diese vergoren werden. Viele Jahre lief dies reibungslos. Nun weiß man aber, dass eine Umstellung im Ablauf, die der nordfriesische Zulieferbetrieb vor etwa zwei Jahren vornahm, anscheinend schief ging. Damals, so Schoofs, habe die Firma von einer manuellen Trennung von Essensresten und Plastik auf eine maschinelle gewechselt – offenbar nur mit mäßigem Erfolg. Das Problem: Nicht nur das, was in Restaurants auf den Tellern zurückbleibt, landet in der Masse, sondern immer öfter auch abgelaufene Lebensmittel, deren Verpackungen gleich mitgeschreddert werden.

Über viele Monate war niemandem aufgefallen, dass über die Filterung der Gärreste in der Kläranlage ein Plastikteil nach dem anderen in der Schlei landete. Nun aber hat man dort in gleich mehrfacher Hinsicht die Bremse gezogen. Eine Schwelle, die die schwimmenden Teilchen aufhalten soll, wurde ebenso eingebaut wie ein weiteres Sieb. Dadurch wird jetzt erst sichtbar, wie viele Stückchen im doch eigentlich geklärten Wasser tatsächlich schwimmen. Zudem wurde Essensreste-Vergärung gestoppt – das Projekt wird wohl auch nicht mehr fortgeführt.

Jetzt aber geht es vorrangig darum, die Schlei von den unzähligen Plastikteilchen zu befreien. Von einer „Mammutaufgabe“ spricht Thorsten Roos in diesem Zusammenhang. Denn Mitarbeiter der Stadtwerke müssen die Winzlinge mit Rechen, Harken und Keschern aufwändig einfangen. Dennoch macht er deutlich, dass es keine Alternative dazu gebe. „Wir haben den Stadtwerken die Beseitigung per Verfügung auferlegt“, betonte Roos. Auch wenn das viel Geld koste und Jahre dauern könne. Wolfgang Schoofs erklärte indes: „Wir bedauern sehr, was passiert ist. Wenn wir der Schlei Schaden zugefügt haben, dann werden wir ihn auch beheben.“ Selbstverständlich würden parallel dazu rechtliche Schritte  gegen den Zulieferbetrieb geprüft.

Vor dem Einsetzen der Kältewelle hatten die Stadtwerke bereits große Teile der Halbinsel Reesholm von Plastikstücken befreit. Dort hatten sie sich in erster Linie im abgestorbenen Schilf verfangen. Man vermutet, dass die meisten Teile in der Kleinen Breite treiben oder sich ringsherum im Uferbereich festgesetzt haben. Wer auffallend viel Plastik entdeckt, sollte sich bei den Stadtwerken (Tel. 04621/ 801-462) melden.

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