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Sammler aus Leidenschaft : Kugelschreibersammler aus Ellingstedt: Haben Sie mal ’n Stift?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Annegret und Max Scheer aus Ellingstedt haben 50.000 Kugelschreiber gesammelt – und freuen sich immer noch über jedes neue Stück.

shz.de von
erstellt am 20.Mär.2015 | 14:06 Uhr

Ellingstedt | Wer, um Himmels Willen, braucht 50.000 Kugelschreiber? Im Dachgeschoss ihres Hauses in Ellingstedt stehen Annegret und Max Scheer vor einer riesigen Regalwand – Kugelschreiber, wohin das Auge blickt: Die meisten fein säuberlich auf Scheiben aus Pappe oder Styropor gesteckt, andere einzeln in Vitrinen präsentiert und die neuen, noch nicht registrierten eimerweise auf dem Boden. Die Frage nach dem Sinn dieser riesigen Menge stellte sich dem Ehepaar nicht – sie sind eben Sammler. Und deshalb ist es auch unerheblich, dass der überwiegende Teil der Schreibgeräte nicht funktioniert, weil die Minen eingetrocknet sind.

Alles begann 1994 mit einer übervollen Schublade in der Küche. Alles Werbekulis, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hatten. Dann trafen Annegret und Max Scheer einen Sammler und wurden infiziert. Sie bekamen ein Konvolut von 1500 Stiften geschenkt, dann noch einmal 8000 von einem Hausmeister aus Ohrstedt und waren plötzlich mitten drin in ihrem neuen Hobby. Inzwischen sind sie Mitglieder im Club der Kugelschreibersammler, richten die schleswig-holsteinische Tauschbörse aus (nächster Termin: 28. März im Hotel „Zum Norden“ in Jagel) und die Sammlung wächst. Das liegt auch daran, dass fast ganz Ellingstedt mitsammelt – wenn jemand aus dem Urlaub zurückkehrt, hat er meist auch einen Souvenir-Stift für die Scheer-Sammlung im Gepäck.

Auch wenn es anders aussieht – nicht jeder Kugelschreiber ist willkommen. Max Scheer zeigt eine große Hand voll edler Montblanc-Schreiber: „Die passen nicht in unsere Sammlung – die haben keinen Aufdruck“, sagt er. Dass Aufdrucke auf dem freien Markt den Wert eines Stifts um mehr als die Hälfte drücken, spielt hier keine Rolle. Die Scheers sammeln eben Kugelschreiber mit Werbung.

Täglich zwei Stunden widmen sie durchschnittlich ihrem Hobby, schätzt Annegret Scheer (64). Ihr Mann (67) schneidet die Pappen zurecht und präsentiert die Kulis in einem immer weiter wachsenden Regal-Ungetüm, sie selbst ist für die Buchhaltung zuständig. Jedes einzelne Stück wird im Computer registriert – mit Beschreibung von Form, Material, Herkunft und Farbe. Sortiert wird alphabetisch nach Werbeaufdruck – von A wie Anlageberatung bis Z wie Zahnarztpraxis. So werden doppelte Stücke sofort identifiziert und ausgesondert. Sie dienen als Tauschobjekte.

50.000 Kugelschreiber stellen auch bei bester Buchführung eine ziemlich unübersichtliche Menge dar – wo soll das noch hinführen? Annegret und Max Scheer berichten von einem Clubmitglied aus Dänemark: Finn Sörensen besitzt 400.000 Exemplare. Die darf er inzwischen aber aus familienpolitischen Gründen nicht mehr im Haus lagern und hat sich deshalb einen ausgedienten Container in den Garten stellen lassen. Im Gegensatz zu den Scheers kauft der Däne auch große Mengen auf. Der Standardpreis liegt bei fünf Cent pro Stück, auf Börsen werden auch schon mal Bündel von 100 Kulis für zwei Euro angeboten.

So weit wollen es Annegret und Max Scheer nicht kommen lassen. Sie kaufen keine Kulis, und für sie zählt auch nicht allein die schiere Menge. Sie können sich auch an Kuriositäten erfreuen wie zum Beispiel an der Blumenvase, bei der sich der Kuli im Stängel versteckt. Oder an den beiden kleinen Glastanks, die durch eine dünne Röhre verbunden sind. Berührt man den Tank mit der Flüssigkeit, wandert diese durch die Wärme der Finger in den anderen Tank. Ach ja. Unten dran hängt natürlich ein Kugelschreiber. Auch die Klassiker sind in ausreichender Zahl vertreten: Der Kugelschreiber aus dem China-Restaurant mit integrierter Speisekarte, mit Thermometer oder Zentimetermaß und natürlich die dunkelhaarigen Schönheiten, die je nach Neigung des Stifts die Hüllen fallen lassen. Hier gibt es alles. Massenhaft.

Wer nun glaubt, dass Annegret und Max Scheer den Werbekugelschreibern hoffnungslos verfallen sind, der irrt. „Unser Motto lautet: Unter Menschen“, sagt die 64-Jährige. Bei den Treffen auf Bundesebene haben sie viele Kontakte geknüpft. Ein Ehepaar aus Niedersachsen beispielsweise schaut während seines jährlichen Büsum-Urlaubs regelmäßig in Ellingstedt vorbei. Und zu ihrer eigenen Tauschbörse Ende nächster Woche in Jagel haben sich wieder viele gute Bekannte angemeldet. Sicher: Niemand braucht wirklich 50.000 Kugelschreiber. Aber sie machen offenbar Spaß und schaden ja auch niemandem.

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