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Immer mehr Flüchtlinge : Kreisverwaltung am Limit

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die Zahl der Asylbewerber übersteigt sämtliche Prognosen: Unterbringungsmöglichkeiten für unbegleitete Jugendliche sind deshalb erschöpft.

von
erstellt am 15.Sep.2015 | 07:40 Uhr

Kein Thema beschäftigt die Menschen derzeit so sehr wie die Flüchtlinge, die nach Deutschland drängen. Die Hilfsbereitschaft und das Engagement der vielen freiwilligen Helfer schafft eine Willkommenskultur, die auf allen politischen Ebenen gelobt wird. Zuletzt auch fraktionsübergreifend im Hauptausschuss des Kreistags, wo Landrat Wolfgang Buschmann die aktuelle Situation im Kreis aus Sicht einer Verwaltung beleuchtete, die am Rande ihrer Leistungsfähigkeit arbeitet.

Immense Bearbeitungsrückstände und die zunehmenden Schwierigkeiten bei der Unterbringung von Flüchtlingen in den Dörfern – die Lage im Kreishaus ist angespannt. Und dabei ist die Flüchtlingswelle, die derzeit bundesweit die Medien beschäftigt und die über Bayern bis in den Norden rollt, noch gar nicht mit voller Wucht im Kreis angekommen.

Im Sommer war man im Kreishaus davon ausgegangen, dass in diesem Jahr 1400 Flüchtlinge aufgenommen werden müssen, doch diese Prognose gilt nicht mehr. Landrat Buschmann im Hauptausschuss: „Wir rechnen inzwischen mit 2000 Menschen, bisher haben wir davon 787 an die Ämter zugewiesen.“ Der September sei erfahrungsgemäß der stärkste Zuweisungsmonat.

Also auch der Monat, der die ohnehin bis an die Grenze belastete Ausländerbehörde weiterhin besonders fordern wird. Und gestern revidierte der Landrat seine Prognose auf Anfrage erneut. Die Flüchtlinge, die über Ungarn und Österreich nach Deutschland kommen und derzeit die Schlagzeilen beherrschen, waren in der Prognose noch gar nicht enthalten.

Bereits im Sommer hatte Buschmann 1,5 Stellen Personal aus der Straßenverkehrsbehörde abgezogen, um die Situation im Ausländeramt zu entlasten. Doch nicht zuletzt aufgrund eines krankheitsbedingten Ausfalls greift diese Hilfe nur bedingt. „Die Mitarbeiter zu motivieren, wir zunehmend schwerer“, berichtete der Landrat. Als weitere Ad-Hoc-Maßnahme wurde eine zusätzliche Stelle für die Registrierung geschaffen und besetzt.

Die Zuweisung der Flüchtlinge über den Kreis erfolgt jeweils donnerstags und freitags. Dann herrscht im und vor dem Kreishaus in der Flensburger Straße Hochbetrieb. Erschöpfte Flüchtlinge treffen auf freiwillige Helfer und Dolmetscher, auf Taxi-Schlangen für ihre Weiterverteilung und im Kreishaus auf einen neu eingerichteten Registrierungsdienst – die Maschinerie läuft auf Hochtouren.

Um die Flüchtlinge nicht – wie in der Vergangenheit – auf den Fluren registrieren zu müssen, nutzt die Verwaltung inzwischen Kay-Nebel- und Bürgersaal. Dort erhalten die Asylbewerber Getränke und werden von einem Dolmetscher, der viele Sprachen spricht und die kulturellen Besonderheiten der Heimatländer kennt, informiert. „Er schafft es, die Situation zu entkrampfen und den Menschen Ängste zu nehmen“, sagt Buschmann.

Ein großes Problem stellen für die Verwaltung die vielen unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge dar, die entweder an der A  7 aufgegriffen und vom Kreis in Eigenregie untergebracht werden müssen oder aus einer der Erstaufnahmeeinrichtungen kommen. Einerseits, betont der Landrat, „neigen sich die Unterbringungs-Kapazitäten im Kreis dem Ende entgegen“. Andererseits müssten die jungen Menschen von der Jugendhilfe betreut werden, wo dadurch ebenfalls Personalengpässe entstanden sind. Jedem unbegleiteten jugendlichen Flüchtling muss von der Behörde ein Vormund zur Seite gestellt werden. Bis vor Kurzem gab es 67 derartiger Amtsvormundschaften, bis 2016 rechnet man nach Angaben Buschmanns mit rund 450. Was wiederum dazu führt, dass auch in der Jugendhilfe mehr Personal benötigt wird.

Tatsächlich beziffert die Verwaltung den Bedarf auf zwölf Vollzeitstellen, sieben bei den Amtsvormundschaften plus einer Verwaltungsstelle, zwei Stellen für die Abrechnung von Leistungen mit den Einrichtungen, in denen die jungen Flüchtlinge betreut werden, sowie zwei Stellen im allgemeinen Sozialdienst, um auch den Bedarf an Jugendhilfeleistungen decken zu können.

Bei dieser Berechnung noch unberücksichtigt ist die Tatsache, dass politisch geplant ist, die Asylverfahren zu beschleunigen, was wiederum dazu führen dürfte, dass vorläufig auch die Zahl der Hartz-IV-Klienten in den Sozialzentren steigen dürfte. Denn sobald ein Asylant anerkannt ist, fällt er unter die Bestimmungen des Sozialgesetzbuches II oder XII und wird als arbeitssuchend registriert. Ob auch diese Mehrbelastung zu mehr Personal führen wird, ist derzeit noch offen. Eines gilt jedoch in diesem wie den übrigen Fällen fehlenden Personals auch. „Wir brauchen Fachkräfte!“, so Buschmann, der weiß, dass es allen anderen Kreisen genau so geht. „Deshalb müssen wir uns schnell auf den Weg machen. Sonst sind keine mehr auf dem Markt.“

 

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