Kontaktfreudige Schweizer auf der Lotseninsel

Die Schweizer Funkgruppe 'HB9LH' zwischen Antenne und Leuchtturm mit Judith Blumenstein (vorne links), Jerome Darbellay (vorne rechts), Michel Blumenstein (Mitte) und Pierre Boldt (hinten links) sowie Pierre-Yves Jaquenoud. Foto: Iversen
Die Schweizer Funkgruppe "HB9LH" zwischen Antenne und Leuchtturm mit Judith Blumenstein (vorne links), Jerome Darbellay (vorne rechts), Michel Blumenstein (Mitte) und Pierre Boldt (hinten links) sowie Pierre-Yves Jaquenoud. Foto: Iversen

Ein ungewöhnliches Hobby hat eine Gruppe von fünf Schweizern nach Schleimünde verschlagen. Die Funkamateure sammeln Leuchttürme. Da diese in der Schweiz rar gesät sind, waren sie auf die Lotseninsel gekommen, um von hier aus zu funken.

shz.de von
26. August 2009, 05:34 Uhr

Kappeln | "Geschlafen?" Michel Blumenstein schüttelt den Kopf und lächelt aus kleinen und leicht rot unterlaufenen Augen. "Nein, nicht viel, aber wir hatten 1200 Kontakte, das ist bombig und viel mehr als an allen Tagen zuvor", sagt der Sprecher der Schweizer Funkgruppe "HB9LH". Schräg gegenüber zieht Pierre-Yves Jaquenoud den Kopfhörer von den Ohren, streckt den Rücken durch und die Arme aus. Vor ihm stehen dunkle Apparate, Mikrofone, Lautsprecher, Monitore. Noch gerade eben hat er mit Funkern aus Russland und von der französischen Atlantikküste gesprochen. Jetzt herrscht Stille im Äther und Jaque noud gönnt sich eine kleine Pause. Eine gute Woche haben Blumenstein und Jaquenoud im Lotsenhaus auf Schleimünde verbracht und sie waren damit die ersten, die den Leuchtturm der Lotseninsel auf diese Weise aktiviert und von dort Funksignale in die ganze Welt gesendet haben.

Die Internationalen Amateurfunktage haben in aller Welt Hobbyfunker vor das Funkgerät gelockt - und sie ebenso wie die Schweizer auf der Lotseninsel sicherlich jede Menge Schlaf gekostet.

"Je nach Tageszeiten kann man andere Erdteile erreichen. Die Nacht ist eigentlich am interessantesten, aber irgendwann muss man ja auch einmal schlafen", räumt Blumenstein fast schon entschuldigend ein. Ob Neuseeland, Australien, Japan, USA, Kanada oder Oman - alle diese Staaten wurden vom Lotsenhaus aus angefunkt.

Dafür sendeten die Schweizer Hobbyfunker meist bis zwei oder drei Uhr morgens und fingen bei Sonnenaufgang wieder an - im Schichtwechsel. "So eine Schicht dauert ein bis zwei Stunden, wenn es läuft, bleibt man manchmal auch länger", sagt Blumenstein. Bei den Verbindungen, die man herstelle, tausche man die Namen, die Rufzeichen, die Stärke und die Qualität des Signals aus. Und wenn gerade Funkstille herrscht, dann nehmen sich die Schweizer auch Zeit für die Insel. "Dann essen wir und gehen spazieren und sind danach wieder voll motiviert. Wir sind das erste Mal hier oben in Norddeutschland und sind begeistert", sagt der Fremdsprachenlehrer.

Ein Großteil dieser Begeisterung ist auf den Leuchtturm zurückzuführen, denn die Gruppe sammelt Leuchttürme wie Jungs Fußballbilder. Ursprünglich hat die Gruppe aus Schlössern gefunkt und dort auch einen Rekord aufgestellt, der sich aus der Zahl der Funkkontakte und den Schlössern zusammensetzt. Nun sind die Leuchttürme dran. Dazu darf die Funkstation nicht weiter als dreihundert Meter vom Leuchtturm entfernt sein. Doch in der Schweiz sind Leuchttürme nun mal rar gesät. Ganze sechs gibt es, fünf hat die Gruppe "HB9LH" bereits "abgehakt". Der sechste liegt mitten in Genf und dafür erhielt die Gruppe noch keine Genehmigung. Und so müssen die Schweizer ins Ausland reisen, um ihrem Hobby zu frönen: Funkkontakte am Standort von Leuchttürmen herstellen.

Dabei war es reiner Zufall, dass die Gruppe auf die Lotseninsel kam. Michel Blumensteins Ehefrau Judith hatte im vergangenen Jahr im Internet gesurft, um Ideen für neue Aktivitäten zu sammeln. Dabei gab sie in die Suchmaschine "Lighthouse" ein und stieß auf die "Lighthouse Foundation" und klickte den Link an. "Eigentlich war es ein Irrtum, denn ich dachte, dass es sich um eine Stiftung für Leuchttürme handelt", so Judith Blumenstein. Doch auf den Seiten der Stiftung stieß sie auch auf die Lotseninsel und den Leuchtturm. Ehemann Michel war sofort Feuer und Flamme, als er davon hörte und erst recht, als er erfuhr, dass dieser Leuchtturm für Funkamateure noch jungfräulich war. Die Zeit bis zum Kontakt mit der Hamburger Stiftung war für Michel Blumenstein sehr aufregend. "Ich hatte große Angst, dass uns jemand dazwischen kommt, doch die Stiftung hat uns versichert, dass bis zu unserem Eintreffen keine anderen Funker kommen werden. Auch der Verein Jordsand, der die Räume im Lotsenhaus zur Verfügung stellte, war sehr hilfsbereit", sagt Michel Blumenstein. "Wir fanden es eine lustige Idee, dass Funkamateure weltweit ihrem Hobby nachgehen und das auch von Schleimünde aus", begründet Jörg Grabo von der Lighthouse Foundation die Unterstützung des Unternehmens.

Zeit, die Insel zu genießen, hatten die Schweizer nach der Funkaktion nicht. "Ich würde schon mal gerne wiederkommen", verrät Michel Blumenstein. Vielleicht nicht mit der ganzen, 200 Kilogramm schweren Ausrüstung. "Aber mit einem Funkgerät, denn spätestens nach zwei Tagen fängt es sonst an zu kribbeln." Erst einmal aber freute sich der Funkamateur auf die Heimreise mit dem Autozug - denn da konnte er dann endlich mal wieder ruhig schlafen.

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