zur Navigation springen
Schleswiger Nachrichten

22. August 2017 | 11:44 Uhr

Kleine Ungerechtigkeiten

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Übergang in die Oberstufe: Unterschiedliche Notengebung in naturwissenschaftlichen Fächern an Gemeinschaftsschulen benachteiligt Schüler

Mark und Jasper sind beste Freunde. Beide besuchen die Gemeinschaftsschule – allerdings an unterschiedlichen Orten. Und beide sind gute Schüler. Nur mit den Naturwissenschaften hapert es ein wenig. Vor einem Jahr war beiden klar: Wir wollen Abitur machen. Doch was damals unproblematisch gewesen wäre – schließlich reichte ihr Notendurchschnitt locker aus – rückt nun überraschend in weite Ferne. Zumindest für einen der Jugendlichen. Mark und Jasper sind erfunden, stehen aber sinnbildlich für Schüler, die von der Gemeinschaftsschule in einen gymnasialen Abiturzweig wechseln wollen und über die Novelle des Schulgesetzes aus dem November 2014 stolpern.

Denn galten bis dahin die Durchschnittsnote 2,4 in den Kernfächern und eine 3,0 im Schnitt als maßgebliche Kriterien für die Aufnahme in die gymnasiale Oberstufe, so gilt seit Jahresbeginn die Regel, dass ein Schüler maximal eine Vier als schlechteste Note im Übergangszeugnis haben darf. Hier stand die Versetzungsbestimmung für die Sekundarstufe II an Gymnasien Pate, die Hürde wird allerdings bei Gemeinschaftsschülern um eine Note nach unten korrigiert. Das bedeutet: Ein Gymnasiast darf maximal eine Fünf im Versetzungszeugnis haben, will er in die Einführungsphase der Oberstufe versetzt werden, ein Gemeinschaftsschüler maximal eine Vier.

Warum aber darf Mark an die Oberstufe des Berufsbildungszentrums Schleswig (BBZ) wechseln, während Jasper dies verwehrt wird? Mark kommt von der Dannewerkschule in Schleswig, an der Biologie, Chemie und Physik als ein Fach (Naturwissenschaften, Navi) unterrichtet werden – die einzige Vier im Zeugnis des Jungen, der ansonsten nur Zweien hat. Jaspers Schule unterrichtet die Fächer hingegen einzeln – und Jasper hat zwar fast nur Einsen, ist aber in Chemie auf eine Vier abgesackt, und weil er diese Note auch in Physik hat, ist der Weg zum Abitur für ihn plötzlich versperrt.

Auf diese „leichte Ungerechtigkeit“ machte der Geschäftsführer des Berufsbildungszentrums Hans Hermann Henken kürzlich im Schulausschuss des Kreises aufmerksam, und er erntete Staunen bei den Bildungspolitikern. Selbst die Schulleiter an den Gemeinschaftsschulen wundern sich darüber, wie kurzfristig diese Neuerung ins Schulgesetz gerutscht ist. „Wir haben das auch erst kürzlich gehört“, sagt ein Gemeinschaftsschulleiter aus dem Kreis und bezeichnet die Regelung als unglücklich.

Und er macht auf eine weitere Ungerechtigkeit aufmerksam: An Gemeinschaftsschulen, die über eine gymnasiale Oberstufe verfügen, könne die Klassenkonferenz in Eigenregie von der starren Regel abweichen, sagt er. Wenn sie einen Schüler trotz mehrerer Vieren im Zeugnis für oberstufentauglich hält, kann er dort aufgenommen werden. Ein Schüler, der von einer anderen Gemeinschaftsschule kommt, hingegen fiele durchs Rost. „Im Extremfall wird ein Schüler mit zwei Vieren, der sonst glatt auf eins steht, abgelehnt“, sagt der Schulleiter und betont die Notwendigkeit, das Thema anzugehen.

Im Hinblick auf die Unwucht im Zusammenhang mit der unterschiedlichen Handhabung naturwissenschaftlicher Fächer verweist Schulrätin Gabriele Wiese auf die Zuständigkeit der Gemeinschaftsschulen. Diese seien in der Gestaltung ihrer pädagogischen Konzepte frei und könnten den Zuschnitt der naturwissenschaftlichen Fächer selbst bestimmen. Die Zensuren-Regelung hingegen sei vom Land verbindlich geregelt, daran sei nicht zu rütteln.

Die Koordinatorin für die Oberstufe am Schleswiger BBZ, Irmhild Schattke, erklärt, ihr lägen zahlreiche Bewerbungen von Schülern vor, die mehr als eine Vier im Halbjahreszeugnis haben, und nun alles daran setzen, sich in den betreffenden Fächern bis zum Ende des Schuljahrs zu verbessern. Insgesamt liegt die Zahl der Bewerbungen um rund ein Viertel niedriger als vor einem Jahr (301). Ob das mit der Neuregelung zusammenhängt, ist bislang unklar. 

zur Startseite

von
erstellt am 04.Mär.2015 | 12:14 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen